Wolfgang Lackerschmid

© Christian Hartmann

One More Life

Lebende Legenden entschuldigen sich selten dafür, zu viel zu reden. Wolfgang Lackerschmid schon. Dabei hätte er mit mehr als fünf Jahrzehnten künstlerischen Wirkens und Weggefährten wie Chet Baker, Lee Konitz oder Albert Mangelsdorff allen Grund zur großen Geste. Doch von „Selbsthistorisierung“ will der Vibrafonist und Komponist nichts wissen.

Von Victoriah Szirmai

A Portrait, die zu seinem 70. Geburtstag auf Dot Time erscheinende Sieben-CD-Box mit 89 Stücken, bedeutet für ihn vor allem „die Freude, dass ich wieder mehr Musik unter die Leute bringen kann“. Fünf der CDs stehen für verschiedene Jazzformationen, eine für Songs, die siebte soll dem Jazzpublikum „so als kleiner Teaser“ einen Einblick in sein kompositorisches Werk geben.

Trotz dieser schier unfassbaren Menge an Musik stellt die Auswahl, die sich zunächst ganz pragmatisch daran orientierte, woran Lackerschmid überhaupt die Rechte besitzt, nur „einen Bruchteil“ seines Werks dar. So wurden etwa viele Bänder von Rundfunkmitschnitten, wie damals leider üblich, einfach überspielt –und sind nun unwiederbringbar verloren. Enthalten sind dafür viele bislang unveröffentlichte Aufnahmen. Obgleich er diese schon immer für veröffentlichenswert gehalten habe, gehe nach einer Session „das Leben einfach weiter“: nächstes Projekt, nächste CD, nächste Tour – „man ist halt immer in der Gegenwart“. Erst im Lockdown hat der Komponist die Zeit gefunden, sein Archiv zu sichten.

„Als du deine Musik von mehr als fünf Jahrzehnten durchgesehen hast“, frage ich ihn, „hast du da irgendetwas über Wolfgang Lackerschmid erfahren, das du bislang nicht wusstest?“ „Zum Teil habe ich mich gewundert, dass ich bei den ganz alten Aufnahmen auch schon so bestimmte tolle Sachen gespielt habe“, sagt er. „Ich war überzeugt, dass ich die gerade erst erfunden hatte!“ Auch staunte er beim Hören von Duoaufnahmen mit Attila Zoller darüber, „wie wir da einfach losgelegt haben und das Timing von Anfang bis Ende stimmt: Es groovt, es swingt, es macht einfach riesig Spaß!“

Seinen ersten Rundfunkmitschnitt spielt Lackerschmid 1976 mit Albert Mangelsdorff ein. Sehr jung trifft er Musiker, „die diesen bestimmten Jazz erfunden haben“. Er sei froh, das weiterzutragen – und traurig, „dass ich die eben nicht mehr für meine Jubiläumsband einladen kann, weil sie nicht mehr leben“. Mit Chet Baker habe er „die Zeit wie einen Raum durchschreiten“ können. Dass der Regisseur eines Chet-Baker-Films diesen Satz später Baker selbst in den Mund legte, erwähnt er lachend.

Zu den Kontinuitäten, die er retrospektivisch durch die Jahrzehnte feststellen könne, gehöre seine Liebe zur brasilianischen Musik – und die zu Harmonien und Melodien. „Ich bin eigentlich ein sehr melodischer Mensch.“ Auch habe er „unheimlich viel Respekt davor, dass die Leute ihre Zeit mit meiner Musik verbringen“. Wichtiger sei ihm lediglich noch eine grundehrliche Haltung. Man könne nicht einfach sein Programm abspulen, sondern müsse akzeptieren, zulassen und spielen, „was jetzt gerade da ist“. Daraus folgt die tiefe Überzeugung, man trage als Musiker „eine Verantwortung für die Gefühle, die man beim Publikum hervorruft“.

Wohl aus diesem Grund nennt der israelische Jazzkurator Nitzan Kremer in den Liner Notes „Natürlichkeit“ als herausragendes Charakteristikum von Wolfgang Lackerschmids Musik: nichts sei gekünstelt, gewollt oder gezwungen, sondern stets ein der jeweiligen Situation angepasstes Agieren aus dem Moment heraus. Auf die Frage nach seinem mit Yotam Silberstein (g), Stefan Rademacher (b) und Karl Latham (dr) besetzten Jubiläums-Quartett hat Lackerschmid eine lapidare Antwort: „Ich wollte was mit Gitarre machen, weil ich dann auch mal wieder von Harmonien begleitet werde.“ Gleichzeitig räumt er ein: „Diese Band wird ziemlich virtuos sein!“ Dabei sei Virtuosität natürlich nie Selbstzweck, sondern habe immer der Musik zu dienen. Es gehe nie darum zu zeigen, „auf welchem Trip man gerade ist“. Wichtig für die Geburtstags-Tour ist ihm dagegen, dass sie ihn zu Spielorten und „treuen Veranstaltern“ führe, die er von sehr viel früher kenne.

Seine Bilanz mit siebzig? „Es gibt keinen Abschluss. Mein Motto ist: Never Stop Playing!“ Wie passend, dass das CD-Set mit „One More Life“ endet. Was würde Lackerschmid mit einem weiteren Leben anfangen? Zunächst einmal „alles, was ich schon gemacht habe, überhaupt mal fertig machen“. Auch denke er zu wenig an Vermarktung und Verbreitung, „weil ich schon wieder etwas Neues im Kopf habe“. Deshalb möchte er weiterhin Noten herausbringen. Auch Theater- oder Ballettmusik würde er jederzeit wieder schreiben wollen. Ein ruhigeres Leben werde er „wahrscheinlich nie haben“, sodass die eigentliche Frage nicht was, sondernwann er das alles in Angriff nehmen will, sein muss. „Gerade für die nächsten fünf Jahre ist schon wieder so viel geplant!“

Wer so sehr wie Wolfgang Lackerschmid mit dem Nächsten beschäftigt ist, hat wohl nur flüchtiges Interesse daran, das Erreichte zu inszenieren. Er ist längt wieder weiter.

Aktuelles Album:

Wolfgang Lackerschmid: A Portrait (Dot Time / Galileo)