Andromeda Mega Express Orchestra
Ein bisschen Zittern gehört dazu
Mehr als nur eine Big Band: Seit 20 Jahren reist das Andromeda Mega Express Orchestra durch die eklektischen Klangwelten seines Gründers und Komponisten Daniel Glatzel. Im Gespräch blickt dieser zurück auf zahlreiche Höhepunkte und eine schwere Krise.
Von Eric Mandel
2009 veröffentlichte das damals knapp drei Jahre alte Andromeda Mega Express Orchestra sein erstes Album. Es war ein wilder Ritt durch musikalische Galaxien von Jazz über Avantgarde bis Filmmusik, mit einem erweiterten Instrumentarium, zu dem bis heute Streicher, Flöten, Harfe und Vibrafon gehören. Geleitet wurde es von dem 1984 geborenen Saxofonisten Daniel Glatzel. Als wir uns damals in einem Kreuzberger Café trafen, um für JAZZTHETIK über Take Off! zu sprechen, ahnte wohl keiner von uns, wie lange die Reise dauern würde. Oder?
Daniel Glatzel gibt zu: „Ich hatte schon am Anfang das Gefühl, dass dies etwas ist, was total lange gehen kann. Das hat einfach von Beginn an so unglaublich viel Spaß gemacht. Da hat einfach alles gestimmt, alle Ingredienzien, und die Inspiration, die man daraus so schöpfen kann. Man kann so viele verschiedene musikalische Konstellationen erschaffen. Die vielen Kulturen und Stile, die wir von Anfang an in der Gruppe hatten, und auch das Soziale sind wichtige Bestandteile und wachsen mit. Das hat sich über die Jahre natürlich verändert, aber die Grundenergie ist noch dieselbe. Ich habe sehr viel dafür gearbeitet, aber es nicht forciert, damit weiterzumachen, eher im Gegenteil.“ Dass ihn manchmal Zweifel beschlichen, hatte aber nie musikalische Gründe. Glatzel schätzt, dass 80 Prozent der Arbeitszeit für die Organisation draufgehen. Der Rest sei Musik. „Aber die musikalischen Erlebnisse,“ schließt er, „machen das immer wieder wett und geben einem Ansporn, dass es weitergeht.“
Als einzige echte Krise bezeichnet Glatzel die Corona-Zeit, die ihn u.a. zwang, die Stammbesetzung von achtzehn auf zwölf zu reduzieren. Dennoch kann er auf eine beachtliche personelle Kontinuität hinweisen: „Von diesen zwölf sind sechs schon von Anfang an oder sehr lange dabei, darunter unsere Harfenistin, zwei von unseren Flötist*innen, ein Gitarrist, und unser Bassist immerhin auch schon seit 2012. Jetzt haben wir zum ersten Mal auch eine jüngere Generation: vier, fünf Leute, die erst Ende 20, Anfang 30 sind, also ungefähr zehn bis 15 Jahre jünger als ich. Das ist eine neue Erfahrung, und sie bringen ihren eigenen Hintergrund und damit etwas Neues und Besonderes mit ein.“
Obwohl das AMEO auf dem Notwist-Label Alien Transistor eine Reihe vielbeachteter Alben veröffentlicht hat, ist das Ensemble doch vor allem im Live-Konzert in seinem Element. Dafür wurde es 2021 als beste Großformation mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet und 2025 noch einmal als bester Live-Act. Nach seinen persönlichen Bühnen-Höhepunkten gefragt, fasst der Bandleader zusammen: „Für mich ist das Phänomenale: Es gab in den 20 Jahren kein einziges schlechtes Konzert. Es waren immer inspirierende und erfüllende Ereignisse, in denen auf immer eigene Art und Weise alles drin war. Und das ist natürlich das, was einen dann auch dazu bewegt, immer weiterzumachen.“
Das Jubiläumsjahr wollte das AMEO mit drei großen Auftritten in Berlin begehen. Das erste davon musste wegen der kurzfristigen Absage des XJazz Festivals im Mai ausfallen, wurde aber in die Freilichtbühne Weißensee verlegt. Das zweite findet am 11.9. im Berliner Radialsystem statt, das in diesem Jahr ebenfalls sein 20-Jähriges feiert. Zum Programm verrät Glatzel: „Wir machen da schon was Spezielles. Sie haben eine Surround-Anlage, mit der wir arbeiten werden. Generell machen wir aber nie große Rückblicke. Es geht eigentlich immer nach vorne, und deswegen hat es auch den Untertitel ,20 Jahre Zukunft‘.“ In der unmittelbaren Zukunft steht für das AMEO danach eine Konzertreise nach Südkorea an – die zweite der Bandgeschichte.
Das dritte große Berlin-Konzert findet dann am 11.11. im Haus der Kulturen der Welt statt, wo das Orchestra ein Tribut für den 2025 verstorbenen Multiinstrumentalisten Hermeto Pascoal spielt, gemeinsam mit Musiker*innen aus dessen letzter Band. Seine Bewunderung für die brasilianische Legende hatte Glatzel bereits bei unserer ersten Begegnung erwähnt. 2015 kam es dann tatsächlich zur Zusammenarbeit des AMEO mit Pascoal, über die Glatzel berichtet: „Das war magisch – da könnte ich dir stundenlang Geschichten erzählen, wie das dann tatsächlich alles funktioniert hat. Aber letzten Endes war es wie ein Traum, der wahr geworden ist. Und ja, ich musste schon ganz schön zittern, ob er überhaupt kommt, aber ein bisschen Zittern gehört natürlich dazu. Natürlich waren wir davor in Kontakt wegen der Arrangements. Ich war total überrascht, als er meinte, ich solle die Stücke arrangieren. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass er das übernimmt, weil er das sonst auch immer gemacht hat. Später habe ich sogar erfahren, dass es das einzige Mal war in seinem Leben, dass er das – außerhalb von Brasilien – quasi aus der Hand gegeben hat. Ich habe mich da natürlich reingestürzt und alles angehört, was ich nur konnte. Ich habe, glaube ich, 25 Stücke arrangiert, von denen wir auch nicht alle gespielt haben. Ich war komplett in seiner sprudelnden, wundervollen Welt.“
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