In jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

Stephanie Wagner & Norbert Dömling Flute’n’Bass
Elektrolyte
JazzHausMusik
3,5 Sterne
Die Flötistin Stephanie Wagner und der Bassist Norbert Dömling haben vor geraumer Zeit in Duoformation zusammengefunden, um neue musikalische Möglichkeiten der Kleinbesetzung auszuloten. Ein Hauptaspekt des zweiten Albums Elektrolyte ist die Hinzunahme von elektronischen Elementen. Norbert Dömling konzentriert sich auf den E-Bass, und beide verwenden elektronische Gestaltungsmittel wie Looper und Harmonizer. Nichts wurde vorproduziert, alle Loops wurden im Studio live gespielt, was die Musik lebendig macht. Schon im eröffnenden Titeltrack geben Fretless Bass mit luftiger Flageolett-Begleitung und Unisonoläufe von Bass und Flöte in Pentatonik-Pattern die Richtung vor. Die Kompositionsarbeit haben sich die beiden aufgeteilt. Stephanie Wagners interessantestes Stück „Birdlife“ besteht aus notierten Vogelgesängen, die die Flötistin übereinander schichtet und so eine Waldszene vor Augen und Ohren ausbreitet. Norbert Dömling skizziert in „Seeheimer Nachtleben“ ganz für sich das Leben in dem kleinen südhessischen Ort. Es scheint ein geruhsames zu sein, und ein melodiöses darüber hinaus: Der erfahrene Bassist soliert entspannt über langen Akkordpassagen. In der Regel begleiten sich die Akteure gegenseitig, was für die Flöte ungleich schwieriger ist. Stephanie Wagner greift auf Beatboxing und lange Linien mit Unterstützung von Effekten zurück. Elektrolyte beweist, wie der organische Einsatz von Elektronik zu einer echten Bereicherung werden kann.
Angela Ballhorn

Johanna Borchert & Miles Perkin

The Match

enja / Edel

4 Sterne

Die Frequenz neuer Kollaborationen ist in der Jazzwelt bekanntlich hoch. Manche von ihnen sind Zweckbündnisse auf Zeit, andere erweisen sich bereits von Beginn an als echter Glücksgriff mit hohem künstlerischem Mehrwert. Zur letzteren Kategorie gehört zweifellos die Zusammenarbeit von Kontrabassist Miles Perkin, der aus Kanada stammt, und Pianistin und Sängerin Johanna Borchert. Über geraume Zeit verfolgten beide mit großer Wertschätzung das Wirken des jeweils anderen. 2020 begann schließlich ein musikalischer Dialog, der jetzt in der Veröffentlichung des Duo-Debüts The Match kulminiert. Der Albumtitel spielt bewusst mit der Doppeldeutigkeit des englischen Begriffes, der gleichermaßen als „Ebenbild“ und „Gegenstück“ ins Deutsche übersetzt werden kann. In diesem Spannungsfeld bewegen sich folgerichtig auch Perkin und Borchert, deren mitunter antagonistische Herangehensweisen sich im kompositorischen Prozess des Albums als überaus fruchtbar herausstellten. Musikalisch mäandern die neun Songs zwischen eingängigen Pop-Ansätzen, kammermusikalischen Miniaturen und anspruchsvollen Electronica-Versatzstücken. Bereits der Opener „Last in the Pack“ entwickelt mitsamt seiner repetitiven Piano-Figur und dem Harmoniegesang von Borchert und Perkin einen ganz eigenen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Stücke wie „Repairing“ und „Under We Go“ schließen daran an, während „Dark Again“ eine Piano-Ballade mit astreinem Spannungsbogen ist. In „Breaking“ wiederum verlässt das Duo den konventionellen Songkosmos zugunsten ungerichteter Klangexperimente. Ein starkes Debüt, das nach Fortsetzung ruft.

Luca Glenzer

Peter Somuah
Walking Distance
ACT / Edel
4 Sterne
Der Trompeter Peter Somuah ist fleißig – Walking Distance ist sein drittes Album in drei Jahren beim ACT-Label. Somuah, der aus Ghana stammt und schon lange in Rotterdam lebt, verbindet Kulturen. Er spielt zwar auch Jazz in traditioneller Form mit klug improvisierten Solo-Chorussen, doch seine Musik besticht durch die Hinzunahme von Elementen aus arabischen und afrikanischen Kulturen sowie Soul und Funk. Für ihn liegen die verschiedenen musikalischen Welten in Walking Distance, also nur einen Spaziergang entfernt. Ihre Gemeinsamkeiten erforscht er hier in elf Eigenkompositionen, sein wandelbarer Sound, mal strahlend, mal weich oder auch mal zerbrechlich, eint die verschiedenen Stile. Seine langjährige Band trägt ihn durch die Songs und agiert dabei luftig-elegant bis wuchtig. Das glockenhelle Rhodes-Piano von Anton de Bruin, der das Album gemischt und mit produziert hat, ist hier eine verbindende Klangfarbe. Dass bei zwei Stücken ein Cello hinzukommt, wird vor allem bei „300 Meters“ zur erfrischenden Erweiterung. Perkussionist Danny Rombout macht zusammen mit Drummer Jens Meijer Druck, Bassist Marijn van de Ven ist kongenialer Partner im rhythmischen Untergrund. „Junction“ nimmt etwas das Tempo aus dem Album, die Laufweite wird in ordentlichem Tempo zurückgelegt. Die Reise endet mit Zitaten aus Kenny Barrons Komposition „Voyage“, einer schönen Verbeugung vor der Jazztradition.
Angela Ballhorn