Alexandra Lehmler & Franck Tortiller

© Felix Groteloh

Freie Bewegungen unterm offenen Himmel

Der Titel klingt luftig: Aerial. Das verspricht eine frische Brise. Alexandra Lehmler und Franck Tortiller geben sich gegenseitig viel Raum und sorgen zugleich dafür, dass beide bekommen, was sie sonst noch so brauchen, um gute Musik zu machen: Anregung, Unterstützung und raffiniert komponiertes Ausgangsmaterial.

Von Hans-Jürgen Linke

Das erste Stück heißt einfach „N° 1“. Im Intro spielt Alexandra Lehmler das Sopransaxofon mit viel Oberton-Beimischung und Subtones und erzeugt so Mehrklänge, die sich intensiv und ein wenig heiser zunächst an ihrer eigenen Uneindeutigkeit erfreuen. Dann werden klarere Artikulationen und Tonhöhen angesteuert. Als Franck Tortiller mit dem Vibrafon einsetzt, ist es um die Zurückhaltung geschehen. Es gibt nichts Mehrdeutiges mehr. Da ist viel Platz für die gemeinsame Arbeit an der Entfaltung von Melodien. Ein weiter Konsens, tiefgreifende Gemeinsamkeit ist zu hören und eine große Freude an Melodien. Zu denen das Vibrafon diskret, aber wirkungsvoll harmonische Unterlagen mehr andeutet als ausführt.

Franck Tortiller ist auch Perkussionist, das Vibrafon aber behandelt er hier vor allem als Melodie- und Harmonie-Instrument. Soweit man Melodie und Harmonie vom Rhythmischen trennen kann, was man zum Glück nicht kann. Groove, Zeitunterteilung, Rhythmik, treibende oder retardierende Momente erscheinen stets als Qualität der Melodien, und das Sopransaxofon klingt strahlend und hell. „Ich kann mich sehr frei bewegen“, sagt Alexandra Lehmler, „weil ich weiß, dass er mir immer dorthin folgt, wo ich mich gerade hinbewege.“ Und umgekehrt.

Das Vibrafon ist klanglich stärker festgelegt als ein Blasinstrument. Man kann das Vibrato verändern, man kann die Dynamik mithilfe der Anschlagstärke variieren, man kann in das Instrument hinein- oder aus dem Instrument herausspielen, aber all das spielt sich im Ambitus von Nuancen ab und ändert nicht grundsätzlich die klangliche Visitenkarte des Instruments.

Beim Saxofon dagegen haben Variationen einen weiteren Rahmen. Alexandra Lehmler nutzt das vor allem mit dem Sopran- und dem Altsaxofon. Das Bariton klingt bei ihr meist klassisch, elegant und eher leise, schlank und fließend als vollmundig röhrend. Ihr Lieblingsinstrument? „Wenn ich mich entscheiden müsste“, sagt sie, „würde ich mich wohl für das Sopransaxofon entscheiden. Irgendwie fühle ich mich damit am wohlsten. Aber eigentlich möchte ich keines missen. Darum schleppe ich auch immer alle drei zu meinen Konzerten mit. Obwohl das durchaus mühsam ist.“

Alexandra Lehmler hat die lange pandemische Zeit vergleichsweise gut überstanden. Im Oktober veröffentlichte sie mit ihrem Lebenspartner, dem Bassisten und Komponisten Matthias Debus, das Album Tandem – und jetzt also Aerial mit Franck Tortiller aus Paris. Paris ist von Mannheim (wo Alexandra Lehmler lebt) dreieinhalb Zugstunden entfernt, keine unüberbrückbare Entfernung.

Das Duo besteht als kontinuierlich arbeitende Formation seit zwei Jahren und beruht auf einem weit gefassten gemeinsamen Verständnis der Musik. „Wir arbeiten zusammen“, sagt Alexandra Lehmler, „im gegenseitigen Vertrauen, dass wir in der Lage sind, aus einer kleinen Melodie etwas Gemeinsames zusammenzuspinnen.“

Franck Tortiller hat sein Tonträger-Label, bei dem die Aufnahme herauskommt, mco genannt, eine Abkürzung für „musique ciel ouvert“. Von den zehn Stücken auf dem Duoalbum stammen drei von Lehmler, fünf von Tortiller – wobei eines davon („Enchaîne moi!“) auf eine Anregung des Komponisten der französischen Aufklärung Jean-Philippe Rameau zurückgeht –, eines von Giacomo Puccini („Mi chiamamo Mimi“ aus der Oper La Bohème) und eines („Ces petits riens“) von Serge Gainsbourg, dem Großmeister des neueren französischen Chansons.

Jedes der Stücke ist auf einer (wie der Albumtitel andeutet) luftigen Komposition aufgebaut – nicht nur auf melodischen Motiven, sondern auf sorgfältig ausgeschriebenem Material. Aber die Stücke enthalten allesamt so viel Freiraum, dass sie im Konzert, in der Live-Situation allerlei Überraschungen bergen und in verschiedene Richtungen losgehen können. „Je nach Stimmung werden sich die Stücke live von unserer Aufnahme unterscheiden“, sagt Alexandra Lehmler. „Wenn sich jemand spontan entscheidet, eine andere Richtung einzuschlagen, würde der oder die andere immer mitgehen.“

Ein Stück, das geradezu dafür gebaut wurde, jederzeit in eine andere Richtung driften zu können, ist das irgendwie bluesig angelegte „L’innocence du cliché“, das trotz eines Anlaufs in die Richtung dann doch kein Blues wird. Das Stück enthält die Spur eines spielerisch-ironischen Lächelns und geradezu eine Aufforderung, es spontan und der aktuellen Situation gemäß zu prägen.

Das letzte Stück stammt von Alexandra Lehmler und ist eine Hymne mit dem programmatischen Titel „Hymn to Hope“. Sie ist, anders als beim Gattungsbegriff der Hymne vielleicht zu erwarten wäre, völlig unpathetisch, eher vorsichtig und tastend und thematisiert eine Art nachpandemischer Hoffnung, die noch ohne große Zuversicht daherkommt. Die sich erst noch füllen und erfüllen muss, zu deren Klärung die Musik aber das Ihre beitragen will.

Aktuelles Album:

Alexandra Lehmler, Franck Tortiller: Aerial (mco / www.labelmco.com)