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Falk Zenker
Auf dem Weg
Innenwege heißt das siebte Soloalbum des 1967 in Mittweida geborenen Akustikgitarristen Falk Zenker nicht ohne Grund. Es nimmt die Zuhörenden mit auf einen Weg nach innen.
Von Lothar Trampert
Eindeutig der Schublade „Acoustic Music“ zuzuordnen ist Zenker nicht, denn er erweitert die Sprache seines Instruments durch Effektpedale, die er via Tonabnehmer ansteuert, ebenso einen Looper, mit dem er sich selbst begleitet oder sein Spiel kontrastiert. Außerdem hat er gelegentlich einen E-Bow im Einsatz, ein kleines Gerät, das, hält man es über die Stahlsaiten, diese in Dauerschwingung versetzt und so stehende Klangflächen oder Töne ermöglicht. Dazu kommen unterschiedlichste Nylonstring- und Steelstring-Instrumente, eine Kontrabassgitarre, eine E-Gitarre sowie diverse Perkussionsinstrumente.
Falk Zenker erhielt mit zwölf Jahren ersten Unterricht bei dem Free-Jazz-Gitarristen Helmut Joe Sachse, später studierte er Klassische Gitarre und Jazz an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Solo und in verschiedenen Besetzungen beschäftigte er sich außerdem mit Flamenco, südamerikanischer Folklore, mittelalterlicher Musik und den Möglichkeiten der Elektroakustik. Aktuell ist er meist solo unterwegs, oder mit seinem Ensemble Nu:n, das mittelalterliche Musik in die Jetztzeit transferiert. Außerdem unterrichtet er und komponiert für Film, Hörspiel und Theater und realisiert experimentelle Projekte und Klanginstallationen.
Zenker hat konsequent den Weg verfolgt, seinem akustischen Instrument elektronische Unterstützung und Flügel zu verleihen. Dabei ist der Looper das wichtigste Zweitinstrument, mit dem er mal begleitende Gitarrenstimmen, oft aber auch perkussive Sounds und stark verfremdete, abstrakte und auch mal psychedelische Klangbausteine erzeugt. „Das macht Zenker übrigens schon seit einem Vierteljahrhundert – und gehört somit zu den Veteranen des Live-Loopings“, war 2022in JAZZTHETIK anlässlich der Veröffentlichung seines Albums Wellentanz zu lesen. „Zenkers Gitarre wirkt wie ein Orchester“, schrieb Bert Noglik in der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG. Und der Gitarrenexperte Alexander Schmitz meinte 2017: „Er ist ein Klangtüftler und Brückenbauer der besonderen Art, klassisch geschult und gesegnet mit der Gabe, immer wieder auf sensible, stilvolle und ganz eigene Weise Verbindungen zwischen Räumen und Zeiten zu erschaffen, wie nur er das kann. Ein ,Flugmodus‘ der besonderen Art – liebenswert, weltbürgerlich, typisch Zenker und sehr, sehr schön.“
Um den Begriff „Flugmodus“ aufzugreifen: Ja, Falk Zenkers Musik hat oft diese schwebenden Momente, gepaart mit einer dezenten mediterranen Melancholie zwischen Flamenco und Nordafrika, immer etwas näher am Sonnenuntergang als am optimistisch in den Tag blickenden Morgen. Wobei die Grundstimmung seiner Musik keinesfalls düster ist – eher nachdenklich. Oft führt sie in ganz eigene Sphären und auch zu kleinen musikalischen Überraschungen, wenn sie etwa in „Windgeborgen“, dem ersten Stück des neuen Albums Innenwege, mehrfach in unerwartete Harmonien oder Flageolett-Klänge abbiegt. Überraschend geht es weiter, denn in „Glück“ startet er geradezu soul-rockig mit einer etwas an Jimi Hendrix erinnernden, von eingeflochtenen Linien geprägten Akkordfolge, die dann aber schnell in eine ganz andere Richtung schwebt – und wieder zurückkehrt.
Während die wenigen Tracks mit durchgehendem Percussion-Einsatz eher konventionell geraten sind, zeigt sich Falk Zenkers musikalisches Gespür ganz klar in den lyrischen Momenten, in den kleinen Klangreisen und dem gitarristischen Schweben im beatfreien Raum. Ganz groß sind die vier das Album beschließenden Miniaturen, alle unter einer Minute, die sehr expressiv und direkt rüberkommen. Dann das große Finale, „Innenweg / Inner Path“ überschrieben, in dem sich Zenker noch mal über dreieinhalb Minuten lang durch einen weiten, fast sakralen Hallraum bewegt, mit Arpeggios und melodischen Fragmenten über einem monoton wiederholten abgedämpften Basston.

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„Die schönsten Momente in meinen Konzerten sind für mich die, in denen die Zuhörenden im Raum der Gemeinschaft und der Musik sich selbst zu begegnen scheinen“, schreibt Zenker zu seinem neuen Werk. „Zu solchen Momenten möchte ich mit diesem Album einladen. Denn ermöglicht nicht erst die aufrichtige Verbundenheit mit sich selbst ein friedvolles Verbunden-Sein mit der Welt?“ Wir haben es also auch mit einem Soundtrack zu tun, der eine meditative Reise in die Ruhe begleiten kann. Und ein Track wie „Fragen“ lädt mit seinen minimalistischen Passagen absolut zum Loslassen und Wegschweben ein.
Man sollte sich nicht von den etwas plakativen Titeln wie „Glaubensgeister“, „Zauberin“, „Fernweh“ oder „Betroffen“ abschrecken lassen, denen der Komponist wesentlich assoziativere englischsprachige Pendants zur Seite gestellt hat. Denn diese Musik hat Substanz. Ihre gelegentlich pure Schönheit ist kein Selbstzweck, ihre kleinen kompositorischen, harmonischen und klanglichen Umwege verblüffen immer wieder und sind so gekonnt kreiert, dass das Album nie in die Nähe von New-Age-Beliebigkeiten oder anderer Esoterik-Beschallung gerät. Falk Zenker ist ganz einfach ein großartiger Gitarrist und Klangmaler, der mit seiner Musik eigene Wege zeigt und geht. Und uns mitnimmt.
Aktuelles Album:
Falk Zenker: Innenwege (Timezone)


