Megaphon JAZZTHETIK 5/6 2026

Von Jan Kobrzinowski

KI-Generiertes, ob in Bild, Ton oder geschriebenem Wort, ist immer strukturell nostalgisch, orientiert sich am Vergangenen und Vorhandenen, ist also prädestiniert für rückwärtsgewandte Erzählungen. In den allermeisten Fällen agiert diese „Intelligenz“ also konservativ, schlimmstenfalls lässt sie sich bestens für rechtskonservative Aussagen nutzen. Alles, was wir mit Hilfe von künstlicher Intelligenz bewerkstelligen, dient mehr oder weniger der Bestätigung des bereits Bestehenden und schlimmstenfalls der Untermauerung von Vorurteilen. Denn KI kann sich nur beim schon Vorhandenen bedienen, nichts wirklich Neues schaffen, allenfalls bestehende Komponenten zu etwas scheinbar Neuem zusammenfügen. Manche sagen, dass die Kunst ohnehin nichts anderes tue. Selbst wenn das so wäre, was zu bezweifeln ist – den Unterschied macht die menschliche Urteilskraft, mit Hilfe derer die Kunst Vorhandenes auf eine neue Stufe heben kann. Mit Blick auf dieses Magazin versuchen wir, die wir uns hauptsächlich und möglichst professionell im Bereich improvisierter, also der vielleicht „gegenwärtigsten“ aller Musiken bewegen, uns mit ihr interpretierend beschäftigen, verschont zu bleiben von Fake aller Art, ob Deep- oder Cheap-. Hoffentlich kommen wir, auch wenn nicht ganz gefeit vor Betrug, der „Wirklichkeit“ in dieser ästhetischen Perspektive ein wenig näher. Schön, wenn es so wäre. Was auf jeden Fall „wahr“ ist, sind die von uns verwendeten Bilder, und so gut es geht, verlassen sich auch unsere Autor*innen immer noch hauptsächlich auf ihre Ohren, ihren Geschmack, ihr Gefühl und ihre Urteilskraft, sind nicht ganz so „von Sinnen“ wie die uns alle umgebende virtuelle Welt.

183 Künstler*innen sind seit ihrem Start 2020 bei der Monheim Triennale aufgetreten. Die Zukunft des Festivals, das sich kompromisslos aktueller kreativer improvisierter und komponierter Musik widmet und das bewusst auf die Vorsilbe „Jazz“ im Titel verzichtet, ist allerdings ungewiss. Laut Stellungnahme der neuen Monheimer Bürgermeisterin Sonja Wienecke ist die „vollständige Fortführung in ihrer bisherigen Form (…) jedoch mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden.“ Angesichts der aktuellen Haushaltslage werden nun mit Festivalchef Reiner Michalke „verschlankte Alternativmöglichkeiten“ diskutiert.

www.monheim-triennale.de/de/news/zukunft-ungewiss

Das Morgenland Festival findet 2026 bereits früher im Jahr statt. Osnabrück steht vom 29.5 – 6.6. ganz im Zeichen der Musik aus dem vorderen und mittleren Orient und soll diesmal gleichzeitig „Zukunftslabor für die Stimmen der Diaspora“ sein. Die Musikerin Shabnam Parvaresh ist die engagierte Leiterin dieses einzigartigen Festivals, das seit Jahren das Verständnis für fremde Klänge aus dem Osten vertieft, Horizonte erweitert und erheblich zur dringend benötigten west-östlichen Verständigung der Kulturen beiträgt (s. Über den Tellerrand in diesem Heft). Line-up und Details s. Termine Festivals.

www.morgenland-festival.com

Ich bin nicht derjenige, der in ein Konzert geht und sofort draufklickt. Ich höre erst mal nur zu und versuche, die Atmosphäre aufzunehmen, und höre zu, was überhaupt passiert. Oft habe ich sogar die Augen zu, und dann merkt man, dass sich etwas entwickelt, etwas tut. Also im Jazz ist das vor allem so.“ So der Dresdner Fotokünstler und Journalist Matthias Creutziger kürzlich in einem Radiointerview. Er dokumentiert (auch für JAZZTHETIK) nicht nur Jazz mit seiner Schwarz-Weiß-Fotografie; seit Jahrzehnten fotografiert er in Dresden und aller Welt auch für Oper und klassische Musik. Nun erhielt Creutziger den mit 10.000 € dotierten Kunstpreis der Stadt Dresden. Herzlichen Glückwunsch!

In der Pasinger Fabrik in Münchens ältestem Stadtteil zeigt die Ausstellung United By Jazz – Was Kunst und Jazz verbindet noch bis zum 12. Juli, was Jazz alles kann: Kulturen verbinden, Künstler*innen inspirieren, auf die Seelenverwandtschaft der Künste und das Potenzial des Strebens nach Freiheit hinweisen. Die „engen Beziehungen zwischen Jazz und der bildenden Kunst werden in sensorischen Räumen erfahrbar“ gemacht und „fotografische, klangliche, künstlerische, typografische Formate sowie Objekt und Installation“ gezeigt, so heißt es auf:

www.pasinger-fabrik.de/veranstaltung/united-by-jazz-was-kunst-und-jazz-verbindet/2026-05-25/

Wolfgang Dauner. Jazz et cetera. Unter diesem Titel zeigt noch bis zum 13. Juni eine Ausstellung den Nachlass Wolfgang Dauners, und zwar in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. Zu sehen (und zu hören) sind neben Notenhandschriften, Skizzen, Briefen und Notizen auch Schallplatten und künstlerische Dokumente sowie selbstgebaute Instrumente des Tastenkünstlers.

www.wlb-stuttgart.de

In der Ludwig-Landmann-Straße 41 wohnten die Jazzmusiker Emil (1925-2022) und Albert Mangelsdorff (1928-2005) während ihrer Kindheit und Jugend.“ So liest sich die Inschrift auf der Gedenktafel, die die Stadt Frankfurt nun auf Betreiben einer Bürgerin am Elternhaus der Mangelsdorffs im Stadtteil Praunheim anbringen ließ. Weiter heißt es: „Sie wuchsen in einem sozialdemokratischen und musikbegeisterten Elternhaus auf und entdeckten trotz der Repressalien des NS-Regimes ihre Leidenschaft für den Jazz.“

Jürgen Habermas ist gestorben. Obwohl er kein Musiker war, sondern vor allem Philosoph und einer der klügsten und scharfsinnigsten Denker der deutschen Bundesrepublik, ist das auch für den Jazz interessant. Habermas‘ Denken drehte sich um Wahrheit und Wahrhaftigkeit, für manche ein im weitesten Sinne ethischer Themenkomplex: die grundlegende Annahme, dass Menschen, die miteinander sprechen, davon ausgehen müssen, dass sie selbst und ihre Gegenüber wahrhaftig und wahrheitsfähig sind und dass dies unvermeidliche Grundlage allen menschlichen Sprechens ist. Für Habermas auch ein erkenntnistheoretischer Grundsatz. Für den Jazz liegt hier, ins Musikalische übersetzt, eine Ethik der Improvisation verborgen: Niemand, dem es nicht um Wahrheit und Wahrhaftigkeit in der Musik und im Augenblick geht, würde sich ernsthaft mit der Kunst der Improvisation beschäftigen. Dass Theodor W. Adorno, der Habermas sehr schätzte, keinen Jazz mochte, tut da nichts zur Sache.

IKEA, der Vorreiter unter den skandinavischen Möbelhäusern und inzwischen längst ein global agierendes Unternehmen, unterstützt den Auftritt des Partnerlandes auf der diesjährigen jazzahead!. Die Schweden gestalten ihren Stand als Wohnzimmer, danach soll das gesamte Mobiliar (hoffentlich nicht nur Billy-Regale) wohltätigen Zwecken zukommen.

Das Ystad Sweden Jazz Festival bietet in diesem Jahr vom 29. Juli – 2. August wieder Konzerte an sommerlich-schönen und originellen Spielorten in Wallanders Heimat, mit vorwiegend nordischen Stars wie Nils Petter Molvær, Bobo Stenson und Jan Lundgren, aber auch regionalen Akteur*innen sowie einer Handvoll internationalen Stars wie Kurt Rosenwinkel, Camille Bertault, Randy Brecker und Judith Hill. Komplettes Line-up siehe Termine Festivals und unter:

www.ystadjazz.se

(c) KaupoKikkas

Nordischer Klang 2026: Unter färöischer Schirmherrschaft und mit Dänemark als Partnerland kommen vom 8. – 18. Mai Kunstschaffende aus dem gesamten skandinavischen Norden sowie Finnland und Estland nach Greifswald, um nicht nur Pop, Groove, Barock, Jazz, Folk, Joik und Klassik sondern auch Neues aus Literatur, Theater und Film zu präsentieren. Die Sängerin Gitte Hænning wird das Festival am 8.5. in der Greifswalder Stadthalle eröffnen.

www.nordischerklang.de

Elbjazz is back – das Festival im Hamburger Hafen kehrt zurück! Und zwar am 10. und 11. Juli, mit spektakulären Namen: Top Acts sind Tom Jones, Joss Stone und Jamie Cullum. Diesmal im Hamburger Hochsommer, wird auf dem historischen Werftgelände von Blohm+Voss sowie in der Elbphilharmonie vor allem Pop, Soul, Funk und Blues geboten, aber doch auch wieder mehr Jazziges: mit Snarky Puppy, GoGo Penguin, The Bad Plus, Lizz Wright, Nubya Garcia, der NDR Bigband & John Beasley, In Cahoots feat. Ingrid Laubrock, Jowee Omicil u.v.a.

www.elbjazz.de

Das seit zehn Jahren stattfindende XJazz Festival in Berlin muss 2026 ausfallen, und zwar aus bürokratischen, nicht etwa aus finanziellen Gründen. Festivalleiter Sebastian Studnitzky: „Das Geld ist im Haushalt fest eingeplant. Der Senat hat dafür gestimmt. Die Politik entscheidet oft wohlwollend für Projekte wie unseres. Aber sie reformiert die Instrumente nicht. Es ist die Kombination aus falschem Förderinstrument und viel zu späten Entscheidungen, die praktisch zwangsläufig zu Problemen führt. Die Förderkonstrukte sind überbürokratisiert und seit Jahren nicht reformiert.“ Angestrebt wird eine Verschiebung in den Herbst 2026, um das Schlimmste zu verhindern.

Der Deutsche Musikrat fordert einen „Ausbau der Förderarchitektur für die Freie Musikszene“. In einem Positionspapier erinnert der Rat an die Vereinbarung der aktuellen Koalition der Bundesregierung, dass „faire und transparente Vergütungsmodelle entwickelt und die soziale Absicherung von Musiker*innen gestärkt“ werden sollten. Es geht um verlässliche Förderstrukturen für Ensembles und Orchester, Jazz-Kollektive, Bands, transkulturelle Ensembles, professionelle Vokalensembles, Chöre, Musikfestivals und Musikschulen der freien Musikszene. Die Deutsche Jazzunion begrüßt das Papier mit dem Hinweis darauf, dass besonders Jazz und Improvisierte Musik verlässliche und flexible Förderstrukturen brauchen.

www.musikrat.de

© Rasimowitz

Der Burghauser Nachwuchs-Jazzpreis belegte einmal mehr die hohe Qualität des jungen europäischen Jazz. Unter den Finalisten Percusiano (D), BÖE (D / BE), Know Material (PL), Phemo Quartet (GB, IRN, P) und Renner (D) setzten sich am Ende Letztere durch und erhielten den mit 5.000 € dotierten Preis. Die Jury über Valentin Renner (dr), Moritz Renner (tb) und Tabea Kind (b): „fröhliche Perfektion“, „ein Team großartiger Talente, das bereits auf dem Niveau der Meister spielt“, „eine echte Perspektive für den jungen Jazz“.

www.b-jazz.com/jazzwoche-burghausen-2026/finale-16-burghauser-nachwuchs-jazzpreis/

Als eine seiner letzten Amtshandlungen hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg an 27 verdiente Persönlichkeiten für herausragende Verdienste um das Land überreicht. Als einzige Jazzmusikerin wurde die Pianistin Anke Helfrich bedacht.

Das Internationale Feringa Jazzfestival in Unterföhring vom 16.-19. Juli, unweit der bayerischen Hauptstadt, ist benannt nach dem Feringasee, der größten Badewasserfläche im Münchener Großraum. Highlight des Programms ist Kenny Garrett mit seinen Sounds from the Ancestors.

www.buergerhaus-unterfoehring.de/veranstaltungen/jazzfestival/

Der deutsche Weltmusikpreis RUTH geht an Dota Kehr (Die „Kleingeldprinzessin“). Das Rudolstadt-Festival ehrt die Liedermacherin und Musikproduzentin für die von ihr vertonten Gedichte von Mascha Kaléko (In der fernsten der Fernen). Kehr verwandelt den melancholischen Ton von Kalékos Lyrik in Musik.

www.rudolstadt-festival.de/programm/ruth.html

Der Jazz in Nürnberg bekommt neue Impulse. Heidi Bayer ist seit dem 1. April Professorin für Jazz-Trompete an der dortigen Musikhochschule.

Der englische Musikmanager und Produzent Mike Vernon produzierte nicht nur Alben für britische Blueslegenden wie Eric Clapton, Peter Green, Ten Years After und John Mayall, in seinem Studio entstanden auch Alben und Hitsingles für Focus, Gerry Rafferty, Status Quo, Duran Duran und Radiohead, um nur einige zu nennen. Vernon starb am 2. März im Alter von 81 Jahren in seiner Wahlheimat Andalusien.

Der vierfache Grammy-Gewinner Stanley Clarke erhält zur Eröffnung der Jazz Open 2026 am 1. Juli in Stuttgart eine weitere Auszeichnung: die German Jazz Trophy. Bereitgestellt wird die Trophäe bereits zum 25. Mal von der Stiftung Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg. Ebenfalls bei den Jazz Open wird der Wolfgang-Dauner-Award vergeben, und zwar am 5.7. im Fruchtkasten des Landesmuseums Württemberg an den menorquinischen Pianisten Marco Mezquida.

www.jazzopen-stuttgart.com

Der Salsa-Musiker Willie Colón (voc, tp, später tb) war kein großer Virtuose, klang aber „immer wie er selbst, authentisch und effektiv“, so Salsa-Experte César Miguel Rondón. Gemeinsam mit Rubén Blades (Siembra) und Celia Cruz erreichte er Großartiges und verschaffte der Posaune eine wichtige Rolle im Genre. Außerdem setzte sich der Nuyorican für die Bürgerrechte der Latinos in den USA ein. Am 21. Februar starb er in New York im Alter von 75 Jahren.

Fela Anikulapo Kuti (1938-1997) war ein nigerianischer Musiker, Produzent, Arrangeur, Aktivist und einer der Väter des Afrobeat. Seine Leistungen wurden nun posthum mit dem Lifetime Achievement Award der Recording Academy geehrt. Fela Kuti erhielt den Preis zusammen mit Carlos Santana, Chaka Khan, Cher, Paul Simon und Whitney Houston. Seine Kinder Femi, Yeni, Kunle und Shalewa nahmen den Preis in Los Angeles entgegen.

(c) Michel_Portal

90 Jahre alt wurde der französische Musiker Michel Portal, der neben Klarinette und Bassklarinette auch das Bandoneon beherrschte. Aufgewachsen mit der Folklore seiner baskischen Heimat, entdeckte er schon als Jugendlicher den Jazz und wurde zu einem der wichtigsten Exponenten des modernen Jazz Frankreichs und ganz Europas. Später studierte er am Pariser Konservatorium und wurde auch ein gefragter Interpret klassischer wie Neuer Musik. Michel Portal spielte mit vielen internationalen Avantgardisten wie Anthony Braxton, Jack DeJohnette, Barre Phillips, John Surman u. v. a. Er starb am 12. Februar in Paris.

Das Jazzfest Bonn beglückt uns nicht nur bis zum 9. Mai sowie am 27. Juni mit großartiger Musik, sondern verleiht auch den Jazzfest Bonn Förderpreis, und der soll ganz praktisch zur Förderung kreativer Arbeit beitragen. Alle zwei Jahre wird er an talentierte Nachwuchsmusiker*innen des kreativen Jazz vergeben. Außer dem Preisgeld gibt es einen Auftritt beim Jazzfest Bonn 2027, Ensemblegage für maximal ein Sextett, Reisekosten, Foto- und Videomaterial. Die Bewerbungsfrist endet am 17. Mai.

www.jazzfest-bonn.de/das-festival/forderpreis/

Dr. Stefan Streitz, Psychiater, Musik-Enthusiast und -Fotograf ist – viel zu früh – am 8. März im Alter von knapp 62 Jahren gestorben. In Münster und darüber hinaus war er bekannt für seine Leidenschaft, die neben seinem Beruf der Musik galt, und zwar fast jeder Art von Musik, vor allem aber dem Jazz. So war er auch JAZZTHETIK von Anfang an sehr zugetan; seine Fotos sind seit vielen Jahren immer wieder in diesem Magazin zu sehen gewesen. Stefan hat auch selbst Konzerte veranstaltet und war ein begabter und engagierter Drummer. Er war in jeder Hinsicht ein besonderer Mensch und wird uns sehr fehlen.

Wir bitten folgenden Irrtum in den Endlosrillen der letzten JAZZTHETIK-Ausgabe zu entschuldigen: Der Bassist und Komponist Ulysse Loup ist nicht gebürtiger Belgier, sondern Franko-Schweizer (*1997, Genf).