HÖRBUCHT

PHANDEMIE

Man stelle sich ein Virus vor, ganz banal, das so viel positiver ist, als nur positiv darauf getestet zu werden, wenn man damit infiziert ist, wenn man es in sich trägt, wenn man davon besessen ist. Ohrwurm meets Bücherwurm – die Geburt des neuartigen Hoerona-Virus, das weder Angst noch Schrecken verbreitet. Ganz banal. Mit der Hoffnung, dass sich alles stets zum Guten wendet, wenn man dem Wind in den Weiden glauben darf, was der so flüstert. Nicht nur kraft der PHANTASIE, die wir lieber ganz groß mit PH schreiben, wie es sich gehört, wie PHANDEMIE. So eine schöne Seuche müsste nicht gebremst werden. Symptome: erigierte Ohren, chronisches Hörfieber, lebendigste Neugier, notorisches Drücken der Repeat-Taste. Noch mal! Therapie: einfach laufen lassen.

In der Hörbucht…

Björn Simon

Tino Hanekamp

Nick Cave

Argon Verlag

4,5 Sterne

Ein Ehepaar fährt zu einem Konzert. Ein Satz, der nicht gerade nach einer Hammeridee für ein packendes (Hör-)Buch klingt. Kommt aber auf das Ehepaar an. Und auf das Konzert. Für einen Beitrag in der KiWi-Musikbibliothek fährt der frühere Musikjournalist und Hamburger Clubbetreiber Tino Hanekamp, der mittlerweile im Süden Mexikos lebt, mit seiner Frau Ixtzel fast 1200 Kilometer mit dem Auto nach Mexiko-Stadt, um Nick Cave und die Bad Seeds live zu erleben und den Sänger anschließend zu treffen. Das Setting ist perfekt: Dass seine Begleitung allenfalls über rudimentäres Cave-Wissen verfügt, gibt Hanekamp die Möglichkeit, bei null anzufangen, wenn er ihr – und damit dem Leser – mit dem geballten Hintergrundwissen des Fans, großem Sendungsbewusstsein und einer schier endlosen Playlist auf seinem Smartphone das Wesen und Wirken des Australiers näherbringen will. Und Zeit haben die beiden auf der Fahrt auch im Überfluss. Reichlich Stoff also für einen ungewöhnlichen Roadtrip, der Platz für Beobachtungen am Wegesrand hat und immer wieder auf die Meta-Ebene gerät, weil der Autor die Wirkung dessen, was er gerade erlebt und beschreibt, stets mitdenkt. „Die Leser sitzen quasi auf der Rückbank“, erklärt er seiner Frau den Grund dafür, dass er ihr jetzt auch noch etwas über Caves Arbeitsethos erzählen müsse. Ihr Kommentar: „Ist nicht dein Ernst. Das kannst du doch hinterher alles erfinden.“

Es ist eine sehr persönliche Annäherung an den charismatischen Sänger. Zum einen, weil die Auseinandersetzung mit dem immens produktiven Idol in Hanekamp grundsätzliche Gedanken über das Wesen von Kreativität und Schaffenskraft auslöst – eine Frage, die ihn acht Jahre nach seinem erfolgreichen Romandebüt So was von da, dem mehrere gescheiterte Versuche eines zweiten Romans folgten, zwangsläufig beschäftigt. Zum anderen, weil er Cave schon einmal begegnet ist. Mit 23 hatte er bei einem Interview versucht, ihn mit respektlosen Fragen zu provozieren, und war dafür mit einem trockenen, aber vernichtenden Satz abgekanzelt worden, der ihm auch Jahre später noch nachhängt. Das mulmige Gefühl vor dem erneuten Treffen wird noch stärker, als Ixtzel auf Caves Blog The Red Hand Files stößt und Tino Hanekamp feststellt, dass dort bereits alle Fragen beantwortet sind, die er ihm stellen könnte.

Nach einem intensiven und grandios dicht beschriebenen Konzert (er zu ihr: „Ist das nicht irre schön?“ – Sie: „Ja, so sektenführermäßig schön!“) meldet sich noch einmal der Fluchtinstinkt. Warum nicht einfach abhauen, sich für das Buch in ein offenes Ende retten oder sich etwas ausdenken, kokettiert Hanekamp mit dem Leser, was den Wahrheitsgehalt der Schilderung angeht. Doch – so viel sei verraten – das Treffen mit Cave findet statt, verläuft anders als erwartet und ist der würdige Abschluss für eine Geschichte, in der man eine Menge erfährt. Über Cave, aber auch über Mexiko, Hanekamp und seine Begeisterung für seine Frau. Auch wenn das vom Autor gelesene Hörbuch mit seinen gut zwei Stunden schnell weggehört ist, sollte man für Nick Cave länger einplanen, denn der wahre Zeitfresser wird für die meisten Hörer erst danach beginnen: der unausweichliche Hörmarathon durch Caves Diskografie.

Guido Diesing

Klaus Modick

Leonard Cohen

Argon Verlag

3 Sterne

Der Schriftsteller Klaus Modick wurde vor 35 Jahren mit der Novelle Moos bekannt und hat seitdem zahlreiche Romane (Der Flügel, Bestseller, Konzert ohne Dichter) veröffentlicht. Leonard Cohen ist eine Art Kurzroman, in der Modick den jugendlichen Lukas – ein Anagramm von Klaus – Ende der sechziger Jahre den berühmten kanadischen Singer/Songwriter für sich entdecken lässt. Sehr einfühlsam, da vermutlich autobiografisch, schildert Modick, wie sein Protagonist erstmals „Suzanne“ nachts im Radio hört, ohne zu wissen, von wem das Lied ist. Das Geheimnis lüftet ihm dann ausgerechnet die Frau, von der er entjungfert wird – für pubertäre Dramatik ist also gesorgt. Später wandelt Lukas gar auf Cohens Spuren, als er auf einer griechischen Insel strandet – Cohen hat ja bekanntlich prägende Jahre auf Hydra verbracht. Dabei gelingen Modick literarische Insider-Gags wie eine Anspielung auf Arno Schmidts berühmte Erzählung Kühe in Halbtrauer, ohne den Eremiten aus der Heide auch nur zu erwähnen. Die Texte von Leonard Cohen dagegen bleiben Modicks Protagonisten ein Rätsel – „Ich glaube, das ist Lyrik“, sagt Lukas irgendwann achselzuckend. Die Mädchen und jungen Frauen, denen Lukas begegnet, lieben die Songs von Leonard Cohen jedenfalls, und nicht zuletzt deshalb bleibt auch Lukas dran am rätselhaften Werk des brummelnden Sängers.

Leider bleibt dem Hörer die Faszination, die Cohens Musik ausmacht, letztlich auch ein Rätsel – Modick konzentriert sich stattdessen lieber auf die etwas erwartbare Coming-of-Age-Geschichte, bei der das Zeitkolorit vom 2CV bis zur Hippie-Mode – ein türkises Minikleid spielt eine wichtige Rolle – liebevoll und detailliert geschildert wird. Die Schilderung von Cohens Musik bleibt dagegen merkwürdig blutleer und stereotyp. Bei einem Cohen-Konzert in Hamburg fällt dem Protagonisten zwar auf, dass manche Songs anders arrangiert gespielt werden als auf den Platten, aber seine Charakteristik von Cohens Stimme – „sonor, hypnotisch, unprätentiös“ – könnte auch aus einem Waschzettel von Cohens Plattenfirma stammen. Was bleibt, ist eine leidlich interessante Geschichte, zu der aber auch Cohens Zeitgenossen, etwa Gordon Lightfoot, Paul Simon oder Cat Stevens, den Hintergrund hätten bilden können.

Rolf Thomas