HÖRBUCHT

MANISCH-REZITATIV

Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn man seine eigenen Texte nicht gewinnbringend rüberbringen könnte, also mit Verve und Schmackes so lesen, wie sie gemeint sind, mit Mehrwert. Und wer sollte das besser wissen als der Autor höchstselbst, wie seine Sätze gemeint sind, Beschreibungen, Monologe, Dialoge, Irrungen und Wirrungen. So viel zur Theorie rhetorischer Fragen, doch diese Win-win-Situation mag sich nicht bei jedem Autor einstellen. Sven Regener versteht es mit Bravour, die ganze Quatschköpfigkeit seines Personals bei der Lesung zu entfalten. Und bei Heinz Strunk ist die Meisterschaft des uneigentlichen Sprechens eng verbunden mit seiner ebenso unverwechselbaren Stimme. Manisch-Rezitatives – in der Hörbucht

Björn Simon

Sven Regener

Wiener Straße

tacheles! / Roof

4 Sterne

Die Tür fiel zu und es war zappenduster.“ Sven Regener muss nur einen Satz lesen in diesem schnoddrigen Tonfall, mit den norddeutsch gedehnten Vokalen, und man ist gleich wieder mittendrin. Im Berlin der 80er Jahre, in der noch geteilten Stadt, im Frank-Lehmann-Kosmos, den Regener seit seinem überraschenden Roman-Erfolg Herr Lehmann in mittlerweile fünf Büchern Schritt für Schritt immer weiter ausgedehnt hat. Die Handlung des bislang letzten Romans Wiener Straße spielt unmittelbar nach Lehmanns Ankunft in Berlin. Und alle sind sie wieder versammelt: Frank Lehmann selbst, Kneipier Erwin Kächele und seine vorlaute Nichte Chrissie, die beiden Künstler Karl Schmidt und H.R. Ledigt, der gleich im ersten Kapitel in einem Baumarkt dem Verkäufer eine grandiose Szene macht.

Das Buch wimmelt von Charakteren mit schrägen Lebensentwürfen, die gerade in der charmanten Verweigerung gegenüber Zwängen und Konventionen neue, eigene Zwänge und Konventionen errichten, für die Kunst und Alltag nicht voneinander zu trennen sind – geniale Dilettanten, die alles zu Kunst erklären oder mit tiefgreifenden Überlegungen überhöhen, auch wenn es nur um Banales wie einen Umzug und eine Wohnungsrenovierung geht – was bereits einen großen Teil der Romanhandlung zusammenfasst. Alles kann zu Installation und Performance werden, etwa wenn in einer gelungenen Episode P. Immel, der Anführer der ArschArt-Galerie, den Mitgliedern seiner Aktionskünstlergruppe Rollen als Hausbesetzer und Punks zuweist, um die Erwartungen eines angekündigten Fernsehteams zu erfüllen: „Enno, leg dich vorne hin, ihr seid Punks, verdammt, und das sind Fernsehleute, die wollen euch ganz unten und im Schutt sehen, ihr seid die No-Future-Generation, die im Müll spielt, ja, so ist es okay, so bleiben.“

Wie seinen Figuren gelingt es auch Regener, aus Nichtigkeiten große Kunst zu machen. Da bekommt die ausufernde Beschreibung der Reparatur einer defekten Kaffeemaschine loriothafte Züge, wenn am Ende sechs Handwerker ihren Senf dazugeben und dabei ordentlich was wegberlinern: „Na, denn ma Prost uff dit jute Stück!“ Dazwischen glänzen auch innere Monologe mit Bonmots: „Wenn die Deutschen skandieren, dachte er, egal ob Punks, Friedensbewegung oder Hare-Krishna-Singsang, dann klingt es immer, als würden sie irgendwo einmarschieren.“ Regeners große Stärke sind und bleiben realistische Dialoge. Da geht es durcheinander und aneinander vorbei, bleiben Sätze entweder Fragment oder werden endlos verschachtelt am Ende doch ins Ziel gebracht. Genau an diesem Punkt werden die Vorzüge der Hörbuchfassung deutlich. In Regeners Vortrag füllen sich die Dialoge mit Leben, werden die Figuren plastischer und das Vergnügen wächst. Das fällt im Falle der Wiener Straße umso positiver ins Gewicht, weil die Buchvorlage schwächer und die Story ohne klare Hauptfigur unspektakulärer ist als bei ihren Vorgängern. Dass das Hörbuch zwei Jahre nach seinem Erscheinen jetzt auch als mp3-CD erhältlich ist, passt da recht gut. Nach außen als einfache CD unprotzig und platzsparend, entfaltet es mit einer Länge von gut sechs Stunden doch viel Gehalt.

Und wenn einem das ganze Personal in seiner Quatschköpfigkeit ohnehin schon ans Herz gewachsen ist, würde man gern noch weitere Stunden zuhören.

Guido Diesing

Heinz Strunk

Nach Notat zu Bett – Heinz Strunks Intimschatulle

tacheles! / Roof

4,5 Sterne

Es ist nicht ganz einfach, dem Humor von Heinz Strunks TITANIC-Kolumne auf den Grund zu gehen. Das Tagebuch-Imitat des mittlerweile Bestseller-Autors ist nämlich so gestaltet, dass man es glatt für bare Münze nehmen könnte – wenn es nicht immer den Monat beschreiben würde, in dem die jeweilige Ausgabe des Satiremagazins erscheint, also gar nicht authentisch sein kann. In der Tat ist Heinz Strunks Intimschatulle ein Meisterwerk des uneigentlichen Sprechens, in dem er derartig viele Tonfälle, Jargons, Sprechweisen imitiert, parodiert und paraphrasiert, dass es wohl niemanden gibt, der sämtliche Bedeutungsebenen auseinanderklamüsern könnte.

Sentenzen wie „Auch peinlich: Autoren, die wie Autoren aussehen“ könnten glatt aus den legendären Tagebüchern von Walter Kempowski stammen – die hier noch einmal nachdrücklich empfohlen sein sollen –, wogegen an anderen Stellen („Es senkt sich die Mehlsoße schrecklicher Mittelmäßigkeit über den Abend“) möglicherweise die Ausdrucksweise, die Thomas Mann in seinen Tagebüchern pflegte, persifliert wird. Strunks grandioser Humor geht aber noch weit darüber hinaus, indem er das Tagebuchschreiben an sich karikiert: Neben den immer wieder auftauchenden Einträgen „Heute nichts“ weisen darauf penibel notierte angebliche Google-Suchverläufe hin: „Einwohnermeldeamt altona öffnungszeiten – Terezia mora – Er steht im tor – Leo fischer die herrschenden – Schöpfungshöhe – Mittwochslotto – Timmendorfer strand zob“.

Es ist ein absolut meisterhaft produzierter Meta- und Giga-Humor, der hier von Strunk gepflegt wird: Von der Wiederkehr saudummer Denkspiele („Würden Sie sich für 170.000 Euro nie wieder kratzen, auch wenn der Juckreiz noch so stark wäre?“) über nette Alltagsbetrachtungen („Mir gefallen Busfahrer und Frisöre, die Krawatten tragen, gerade weil es in diesen Berufen keinen Krawattenzwang gibt.“) bis zu mehrfach um die Ecke gedachten Zitaten aus dem Literaturbetrieb. Den Witz von dem angeblichen FAZ-Zitat „Heinz Strunk hat zwei Probleme: Er kann nicht schreiben, und er hat nichts zu sagen“ versteht nur der, der weiß, dass FAZ-Feuilleton-Chef Edo Reents genau diesen Satz einst über die Schriftstellerin Judith Hermann geschrieben hat.

Selbstverständlich schreckt Strunk auch vor Selbstironie nicht zurück: Die Schwermut des Eintrags „Gefühle großer Vergeblichkeit“ passt haargenau zur bipolaren Störung, mit der der Autor auch in der Realität zu kämpfen hat.

Rolf Thomas