HÖRBUCHT

EINFALLSLOS

Einfallslosigkeit muss schlimm sein. Etwa wenn man das Intro für eine Kolumne schreiben will, ja muss, einem aber so gar nichts Passendes in den Sinn kommt – außer vielleicht etwas Selbstreferenzielles. Schreiben über das Schreiben mit nichts in der Tasche, niente. Deadline, literally. Schlimm. Oder man stelle sich vor, bei einer Jamsession versiegen plötzlich die Ideen. Free Jazz interruptus. Kein Interplay, sogar die Reaktionen weg, alles vorgeformt und stereotyp, so gar nichts Neues, kein Esprit. Call ohne Response. Lähmende Leere. Schlimm. Oder man macht „irgendwas mit Humor“, vielleicht in Zeiten, als der Begriff „Comedy“ noch keine üble Nachrede war, aber Charme und Pointen bewegen sich zusammen mit der Phantasie auf der Nulllinie. Wie beruhigend wäre es da, wenn einem ein kreativer Gigant wie Robert Gernhardt die Gags schreiben könnte. Ein sprudelnder Quell des Abseitigen und der guten Laune. Die Versöhnung von Holzhammer und Poesie. Schön. Jodelahiti! In der Hörbucht

Björn Simon

F.C. Delius

Die Zukunft der Schönheit

Parlando / Argon

4 Sterne

Albert Ayler –
Music Is the Healing Force of the Universe

Albert Ayler

Music Is the Healing Force of the Universe

Jazzwerkstatt

5 Sterne

Die Like a Dog

Fragments of Music, Life and Death of Albert Ayler

Jazzwerkstatt

2 Sterne

Voller Sogkraft erzählt F.C. Delius eine Geschichte von der Dynamik zwischen Vater und Sohn, bei der die Musik von Albert Ayler, mit der der Protagonist der Geschichte zufällig in einer New Yorker Bar konfrontiert wird, eine wichtige Rolle beim Erkenntnisgewinn spielt. Aylers Musik hilft dem namenlosen Erzähler, dem Christian Brückner seine Stimme leiht, das Verhältnis zu seinem Vater ins rechte Licht zu rücken. Aylers Musik wirkt also befreiend, und so wird sie auch von allerlei Experten in die Jazzgeschichte eingeordnet.

Wie der Zufall es will, sind gerade zwei CDs wieder herausgekommen, die Aylers Musik feiern. Die eine ist von Ayler selbst, heißt kurioserweise Music Is the Healing Force of the Universe, enthält aber nicht dieses letzte Studio-Album Aylers, sondern stattdessen die Live-Aufnahme, die auch unter dem Namen Live at Slug’s Saloon veröffentlicht wurde (wen Jazzwerkstatt-Zampano Ulli Blobel mit dieser Charade verwirren will, ist unklar) und eine der besten Live-Aufnahmen von Ayler überhaupt ist. Er spielt 1966 seine Parade-Stücke „Ghosts“, „Bells“, „Our Prayer“ und „Truth Is Marching In“, und zwar mit Bruder Donald an der Trompete sowie dem Geiger Michael Sampson, dem Bassisten Lewis Worrell und dem Schlagzeuger Ronald Shannon Jackson. Dass er – auch für Delius – als Free-Jazz-Wüterich gilt, ist ein Missverständnis, das sich lange gehalten hat. Doch wie Diedrich Diederichsen einst in Der lange Weg nach Mitte ganz richtig schrieb: „Albert Ayler hatte die musikalische ‚Befreiung‘ immer mit dem Aufgehen in konventionelle Kollektivismen verbunden, vor allem Märsche und Spirituals“. Davon hat Peter Brötzmann, der sich seit Jahrzehnten als Aylers Nachlassverwalter aufspielt, aber keine Ahnung, denn der Mann ist ja nicht in der Lage, einen Marsch oder gar ein Spiritual zu spielen. Das wird auch in der 25 Jahre alten Aufnahme Fragments… von Brötzmanns Band Die Like a Dog deutlich, in der sogar der Spiritual „St. James Infirmary“ zitiert wird – allerdings nicht von Brötzmann, sondern von Trompeter Toshinoro Kondo. Brötzmann kann halt nur draufloshupen, und das tut er auch hier exzessiv. Unterstützt wird er dabei – neben Kondo – von Hamid Drake und William Parker, die dem Geist Albert Aylers aber vergeblich hinterherrennen.

Rolf Thomas

Otto Waalkes

Kleinhirn an alle von Otto Waalkes

Kleinhirn an alle

Random House Audio / Edel:Kultur

5 Sterne

Der Papst soll Selbstmord begangen haben. Naja, wenn man sich beruflich verbessern kann…“ Mit solchen, wenn auch meist nicht ganz so bösen, Kalauern, vor allem aber mit seiner unvergleichlichen Körpersprache trat Otto Waalkes – eigentlich hat ihm immer der Vorname gereicht – ab 1973, als die erste Otto-Show im Fernsehen ausgestrahlt wurde – übrigens nur einmal im Jahr –, seinen unvergleichlichen Siegeszug an. Berühmter als Otto kann man in Deutschland nicht werden. Und womit? Mit Recht (um einmal Heinz Erhardt zu zitieren, neben Jerry Lewis eines der wenigen Vorbilder des Ostfriesen).

Wer mehr über Deutschlands „Lachmann der Nation“ (DER SPIEGEL) wissen will, kann seit Frühjahr zu dessen Autobiografie Kleinhirn an alle greifen, und wer damit noch gewartet hat, kann sich nun mit Ottos gleichnamigem Hörbuch vergnügen. „Die große Otto-Biografie“, wie das Hörbuch im Untertitel heißt, ist so witzig, dass man ab und zu die CD anhalten muss, und so ergreifend, dass man manchmal gar mit den Tränen kämpfen muss, denn Ottos Leben hatte auch peinliche und traurige Momente, die er keineswegs auslässt – das würde ja auch nicht zu diesem freimütigen Charakter passen. Aus seiner Nähe zur Neuen Frankfurter Schule hat Otto nie ein Hehl gemacht, vom Dreigestirn Robert Gernhardt, Pit Knorr und Bernd Eilert, die ihn von Anfang an mit Texten versorgt haben, ist das größte Talent, der Dichter, Satiriker und Zeichner Gernhardt, leider schon seit Langem verstorben. Edo Reents hebt in der FAZ vom 21. Juli 2018 anlässlich Ottos 70. Geburtstag auf die „Gefallsucht“ ab, die in seiner Autobiografie eine große Rolle spiele und die voraussetze, dass jemand „gar nicht anders kann“. Um dann ganz richtig zusammenzufassen: „Es wäre deswegen ein Irrtum, Otto für eine ‚Figur‘ zu halten. Es gibt nur diesen einen Otto, der so viel in sich birgt (…).“

Otto, „Deutschlands Komischster“ (wiederum die FAZ), ist eben kein Komiker, er spielt keine Rolle wie Atze Schröder oder Dieter Nuhr, er ist einfach, was er ist, und wie befreiend das für die deutsche Gesellschaft nicht nur der siebziger Jahre gewesen ist, davon erzählt Kleinhirn an alle quasi nebenbei. Der Einzige, der ihm die Rolle als „Deutschlands Komischster“ jemals streitig machen konnte, nämlich Loriot, hat sie mit ganz anderen Mitteln ausgefüllt.

Rolf Thomas