HÖRBUCHT

WISSENSWERTES ÜBER VERLANGEN

Hinter der Maske sieht man nix. Wenn man nur die Augen sieht, Mund und Nase aber hinter einem Schutz verschwinden, wird es diffus, mehrdeutig, missverständlich, vage. War das ein Lächeln, ein Schmunzeln im Blick? Süffisant? Herausfordernd? Freundlich, die noch harmlosere, noch scheißigere Cousine von nett? Verstehen verstehen. Von der Unmöglichkeit gelingender Kommunikation… Denn auch das Lippenlesen fällt aus, das Hören ist auf sich allein gestellt. Wann ist ein Witz ein Witz? Ein Mann ein Mann? Auch die eigene Maske wirkt so, Gleichberechtigung allerorten. Mund und Nase als wichtige Gendermerkmale verschwinden, treten in den Hintergrund – die Augen werden betont. Mann, sind die hübsch, diese Auginnen! Und das bei einem Typen.

In der Hörbucht

Björn Simon

Wolfgang Herrndorf

Die Rosenbaum-Doktrin und andere Texte

tacheles! / Roof

4,5 Sterne

Wolfgang Herrndorf erschoss sich vor sieben Jahren im Alter von 48 Jahren, weil er an einem Hirntumor litt. Aufgrund seines Romans Tschick galt er als Bestsellerautor, weshalb sein Verlag das tat, was der Amerikaner scraping the barrel nennt. Immer wieder kamen kleinere Texte Herrndorfs zum Vorschein, die sicher ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren oder zuvor nur in kleinen Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden. Die hier vorliegenden fünf Texte hat Rowohlt in einem Bändchen zusammengefasst, das stolze 64 Seiten umfasste.

Es sind Kabinettstückchen, zu deren unerheblichsten sicherlich das aus Tschick entfernte Kapitel gehört, in dem dessen Protagonist Maik Klingenberg einige Deutschstunden schildert. Auch „Bulgarien“, der Versuch, sich korrekt an das beschriebene Bild in einem dicken Roman zu erinnern, gehört wohl eher in die Kategorie Stilübung. Die drei anderen Texte, allesamt satirischen Charakters, sind allerdings von funkelnder Eleganz und munterer Pracht.

Das titelgebende Interview mit dem erfundenen Kosmonauten Siegfried Jaschke – ob hier wohl Loriots berühmtes Interview mit einem vermeintlichen Raumfahrer Pate gestanden hat? – führt den Hörer ziemlich schnell auf schwankenden Boden. Jaschke war selbst nie im Weltraum, ist aber angeblich zusammen mit Sigmund Jähn ausgebildet worden, kann dem Interviewer die Rosenbaum-Doktrin erläutern („Wenn dort oben etwas Unerklärliches auftaucht, […] erschießen wir das mit der Bordkanone und tun so, als hätten wir nichts gesehen“) und die Geschichte der Raumfahrt erzählen. Erst als er Norman Mailer offensichtlich mit Ernest Hemingway verwechselt, wird klar, dass er nicht gerade eine zuverlässige Quelle ist – ein großer, von Herrndorf penibel orchestrierter Spaß.

Klagenfurt“ schildert das Drum und Dran des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, an dem Herrndorf 2004 tatsächlich teilgenommen hat. Er recherchiert ältere Gewinnertexte, „wo ein Schwarm Vögel in schwerem Metaphernsalat über den Himmel fliegt“, legt Akten über sämtliche Teilnehmer an und fragt bei seinen Bekannten nach, die schon einmal am Wettbewerb teilgenommen haben („Du schlecht gefickte Brotspinne“ bekommt er u.a. als Antwort).

Am heftigsten lachen muss man allerdings über die „Scham & Ekel GmbH“, wo Herrndorf sich und seine Kollegen als geradezu absurd empfindsame Wesen schildert. „Mir ist es peinlich, die Richtung zu wechseln, wenn ich auf der Straße etwas vergessen habe“, führt er zunächst aus, um schließlich von seinem „Schambriefwechsel“ mit Gerhard Henschel zu erzählen. Herrndorf schämt sich, allein in einem Lokal zu sitzen – denn wer ihn sieht, muss denken, dass er versetzt wurde – und sieht vor allem beim Einkauf im Supermarkt allerlei Fallstricke. Kann man zum Beispiel Kondome kaufen, wenn man zurzeit gar nicht in einer Beziehung lebt? Herrndorf glaubt, dass andere Kunden ihm das ansähen und ihn hochmütig als jemanden betrachteten, der sich bevorratet („der widerliche Onanist“) für eine Zeit, die vielleicht niemals kommen wird – der Schauspieler August Diehl liest all das mit hörbarer Begeisterung und mit subtilstem Einsatz seiner sprachlichen Mittel.

Rolf Thomas

Max Goldt

Die Toilette bleibt weiß

Hörbuch Hamburg

5 Sterne

Dass Max Goldt ein einzigartiges sprachliches Genie ist, dürfte sich allmählich herumgesprochen haben. Leider schreibt der Mann nicht mehr, er kann wohl seine eigenen (allzu?) hohen Ansprüche nicht mehr erfüllen. Dafür liest er nach wie vor und Gott sei Dank. Die Toilette bleibt weiß enthält auf zwei CDs öffentliche und Studio-Lesungen aus den letzten dreißig Jahren.

Gedanken bei der Cranio“ enthält beliebte Goldt-Sottisen wie „Seitdem vermeide ich es, blutend ein Taxi zu benutzen“ oder das „nicht sichtbare, aber deutlich vernehmbare Augenrollen“ und gipfelt in der Erkenntnis „Das ist noch nicht mal Wellness“. „Humor und so“, ein Vortrag anlässlich einer Ausstellungseröffnung, seziert träge Gedanken wie „Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“, die Goldt sofort zurückweist. „Die sprachliche Lage in all diesen Themen ist unbefriedigend“, denn „Witz, Komik, Humor“ werden bekanntlich gerne durcheinandergebracht. Wer Witze erzählt, wird in den Kreisen von Gloria von Thurn und Taxis von der Einladungsliste gestrichen – das sei in seinen Kreisen genauso, sagt Goldt, „sollte ich Kreise haben“. „Schicksalsbilder der Neuen Deutschen Welle“ vereint in grotesker Manier das fiktive Schicksal eines ehemaligen Popstars („völlig vergessen seine LP Tesafilm und Gummibärchen, die 1983 immerhin zwei Wochen lang Platz 57 der Media-Control-Charts belegte“), mit dem Goldt nicht nur Fernsehformate wie Brisant hochnimmt, sondern durchaus auch selbstironisch die eigene Musikkarriere (Goldt war für den NDW-Hit „Wissenswertes über Erlangen“ verantwortlich).

Und das sind nur drei der Texte – die Goldt übrigens getragener als früher vorträgt –, insgesamt enthält Die Toilette bleibt weiß dreizehn. „Köstlich! Ich habe Tränen gelacht“ – mit diesen Worten hätte diese Rezension vor fünfzig Jahren geendet (die Autorin dieser Zeilen ist gerade mal 33, Anm. des Korrektors).

Mirela Onel