JazzFest

Berlin

© Camille Blake

Von Rolf Thomas. In diesem Jahr war alles anders. Erst eine Woche vor Veranstaltungsbeginn war klar, dass es bei der diesjährigen Ausgabe des JazzFests Berlin kein Publikum geben würde. Die künstlerische Leiterin Nadin Deventer hatte blitzschnell umdisponiert und sämtliche Konzerte auf diversen Streaming-Plattformen ins Internet gestellt (wo sie übrigens immer noch zu sehen sind). Das war nicht nur eine organisatorische Großtat, sondern führte vermutlich auch dazu, dass das Publikum des JazzFests so groß war wie nie zuvor. Irritierend für viele Musiker*innen (und nicht nur die) war die Totenstille zwischen der Musik natürlich trotzdem, und viele von ihnen in New York (wo ein guter Teil des Hauptprogramms über die Bühne ging), Berlin und anderswo konnten nicht anders, als sich zwischendurch selbst Mut zuzusprechen.

Es war auch ein JazzFest der Schlagzeuger, manche von ihnen waren mehrmals zu erleben. So konnte man den Amerikaner Ches Smith im Septett Clockwise von Anna Webber sehen – die Band klang wie eine Horde betrunkener Matrosen, was eindeutig positiv gemeint ist – und wenig später im Trio mit dem Pianisten Craig Taborn und der Gitarristin Mary Halvorson, wo er ganz anders spielte: sensibel, subtil und zurückhaltend. Auch sein Kollege Jim Black spielte zweimal: Im etwas albernen Auftritt des Quartetts Meow! sorgte er für die Bodenhaftung, sein eigenes Trio stellte vor allem die beiden jungen Berliner Musiker Elias Stemeseder am Klavier und Felix Henkelhausen am Bass in den Mittelpunkt.

Dan Peter Sundland © Camille Blak

Für einen späten Höhepunkt sorgte die Berliner Saxofonistin Silke Eberhard – in diesem Jahr Gewinnerin des Berliner Jazzpreises –, die ihre zehnköpfige Großformation Potsa Lotsa XL diesmal in den Dienst der Musik Henry Threadgills stellte. Threadgill ist einer jener Innovatoren, die leider viel zu wenig Beachtung finden, und es ist Eberhard und ihrem großartig aufgelegten Ensemble zu verdanken, dass das hier einmal anders war. Insbesondere die Bläser wie der Klarinettist Jürgen Kupke, der Saxofonist Patrick Braun, der Trompeter Nikolaus Neuser und der Posaunist Gerhard Gschlößl wussten der üppig wuchernden Musik Threadgills immer neue Facetten zu entlocken.

Der junge amerikanische Vibrafonist Joel Ross wusste mit unnachahmlicher Eleganz zu überzeugen, die von seinem Sextett – der Altist Immanuel Wilkins in dessen Reihen ist längst selbst ein Bandleader – kongenial übersetzt wurde. Etwas weniger überzeugend geriet Lakecia Benjamins Huldigung an die Coltranes, die etwas zu kuschelig und museal ausfiel.

Eine Stimme wie von einem anderen Stern war die von Ken Norris, der im Quintet Jean-Paul des Hamburger Saxofonisten Gabriel Coburger für das gewisse Etwas sorgte. Auch andere Konzerte aus den angeschlossenen Funkhäusern – etwa das Kammerflimmer Kollektief oder das Quartett der Posaunistin Shannon Barnett – stellten musikalische Farben in den Mittelpunkt, die anderswo nicht zu erleben waren. Im nächsten Jahr hoffentlich wieder mit Publikum, Schweiß und Applaus.

© Camille Blake