Jazzkaar

Tallinn

Von Angela Ballhorn. „Jazz is Punk!“ war das Motto der diesjährigen Jazzkaar in Tallinn. Die Rekordzahl von 26.800 Besuchern folgte dem Ruf des von Anne Erm kuratierten Festivals und konnte viele besondere Momente erleben. Bill Frisell, Donny McCaslin, Jordan Rakei, Kennedy Administration – die Liste der bekannten Namen war lang, doch Festivals sind Wundertüten. Auch wenn oft die großen Namen als Highlights gehandelt werden, sind es unerwartete Konzerte, die überraschen und begeistern.

© Sven Tupits

So geschehen bei der 37. Jazzkaar in Estland. Selbstverständlich war das kammermusikalische Konzert von Gitarrist Bill Frisell und Bratschist Eyvind Kang mit traumhaftem Ineinandergreifen von Melodielinien berührend, das Trio um Posaunist Robinson Khoury atemberaubend und das energieberstende Konzert von Donny McCaslin spektakulär. Das Quartett Kneebody beeindruckte mit Nate Wood, der Drum ’n’ Bass ganz wörtlich nahm und Schlagzeug und Bass simultan spielte. Das mit viel Vorschusslorbeeren bedachte und frisch mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnete Moses Yoofee Trio war (mir) zu laut, um die sicher vorhandenen musikalischen Finessen zu entdecken.

Die Überraschungen steckten aber anderswo: Bei den freien Konzerten stellte die MUBA Bigband mit ihrem Tribute an die Fusionband Lettuce den musikalischen Nachwuchs vor. Die Jamsession im Philly Joe’s zeigte, dass es um den Jazznachwuchs in dem kleinen baltischen Land gut bestellt ist: Die Opener-Band brannte, Saxofonist Nikita Korzoun, als Nachwuchskünstler des Jahres ausgezeichnet, spielte mit seinem Quintett Hardbop, als ob das liebe Leben davon abhinge. Seine Bandmitglieder Mikk Kaasik (keyb) und Marten Männa (dr) räumten am letzten Festivaltag mit ihrer Fusionband Some Times ebenfalls ordentlich ab. In der Session tauchte noch Gitarrist Ricky Pistone auf, der am folgenden Tag das Publikum mit der Kennedy Administration zum Tanzen bringen sollte.

Eine liebe Tradition der Jazzkaar sind die Homeconcerts, für die in diesem Jahr Musiker ihre Wohnungen öffneten. Die intimen Konzerte sind immer ein Erlebnis, besonders im Wohnzimmer der Sängerin Liisi Koikson, die ihr neues Klavier dem Vater-Tochter-Gespann Marek und Rahel Talts zur Verfügung stellte. Die spielten an Klavier und Gitarre zauberhaft zusammen.

Die Bassistin Mingo Rajandi eröffnete das Festival mit ihrem Lady-Sapiens-Programm mit zwei Kontrabässen, Cello und Geige/Elektronik, Pianistin Kirke Karja präsentierte ihr Odüsseia-Projekt, Pianist Joel Remmel hatte ein neues Programm, Gitarrist Johannes Laas konnte sein Debüt vorstellen, Trompeter Jason Hunter gedachte Miles mit Stücken aller Epochen. Kadri Voorands Präsentation des neuen Albums Songs To Hold You mit dem wunderbaren Duo Puuluup war wie zu erwarten fantastisch.

Überraschend dagegen das großartige Programm der Komponistin Bianca Rantala mit dem finnischen UMO Jazz Orchestra, in dem sie Internetphänomene beeindruckend umsetzte. TikTok-Tänze, Clickbait-Rage als Funk oder „Budget Friendly Propaganda“ als Death Metal brachten stehende Ovationen. Die groovende Lexsoul Dancemachine, die dem Abschluss Partystimmung verpasste, setzte ihrem Konzert die Krone auf, als Schlagerdiva Anne Veski die Bühne betrat – das Publikum war vermutlich nur halb so alt wie die 70-jährige Sängerin, aber absolut textsicher.