Megaphon
Von Guido Diesing
Die Stimmung ist schlecht. Man ist ja schon froh, mal einen Tag lang nicht zu erfahren, was „wir“ uns künftig alles nicht mehr leisten können. Und das von einem Kanzler, der persönlich davon beleidigt scheint, was für ein faules und undankbares Volk er regieren muss. Dabei wird man das gar nicht so unbestimmte Gefühl nicht los, dass dieses „Wir“, von dem da die Rede ist, längst nicht so umfassend ist, wie es klingt. Bezeichnend war da eine Tagesschau-Ausgabe Ende Mai, in der zunächst ausführlich die Empfehlungen des Sachverständigenrats Wirtschaft (u.a. Kürzungen im Bereich Renten, Gesundheitswesen und Pflege) dargestellt wurden. Nur wenige Minuten später und ohne dass die beiden Meldungen in irgendeiner Weise zueinander in Beziehung gesetzt worden wären, ging es dann darum, dass in Deutschland die Zahl der sogenannten Superreichen mit einem Vermögen von umgerechnet über 100 Millionen Dollar innerhalb eines Jahres von 3900 auf etwa 5000 gestiegen ist. Sieht ganz so aus, als sei getreu einer alten Weisheit das Geld, das einem fehlt, nicht einfach weg – es ist nur woanders. Dann wären es wohl eher die Superreichen, die wir uns nicht mehr leisten können? Und obendrein eine Politik, die sie immer reicher macht? Ein Bereich, der bei leeren Kassen immer schnell zur Disposition gestellt wird, ist neben dem Sozialen die Kultur. Als wäre nicht längst erwiesen, wie wichtig die Möglichkeit von kultureller Teilhabe für das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft und damit auch für Stabilität und Solidarität ist.

© Hans Kumpf
Der Berliner Senat scheint diesen Zusammenhang zumindest theoretisch verstanden zu haben. Seit 2023 steht der dortige Kultursenator offiziell der „Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt“ vor. Als solcher hat er in Kooperation mit dem rbb den mit 7000 Euro dotierten Jazzpreis Berlin 2026 an Julia Hülsmann vergeben. In der Begründung hob die Jury hervor, Hülsmann mache ihre Musik „nicht nur für einen Teil der Jazz-Szene, sie verbindet viele Szenen und öffnet sich nach vielen Seiten.“ Zudem sei ihr Engagement für Nachwuchsmusiker*innen lobenswert.
Einen erfreulichen Nachklang erlebt das Jazzfest Berlin von 2025. Der dort entstandene Kurzfilm Dream Baby Dream wurde beim LIMINAL Dance Film Festival in Washington, D.C. gezeigt und für sein „visionäres Zusammenspiel von Musik und Bewegung sowie seine herausragenden interdisziplinären Ansätze“ mit dem IN Series Counterpoint Award ausgezeichnet. Der 20-minütige Experimentalfilm thematisiert mit den Mitteln von Musik, Bewegung und Poesie die Suche nach Heimat und – da haben wir’s wieder – Zugehörigkeit, das Spannungsfeld zwischen Traum und Utopie, und die Spuren von Traumata in Berlins migrantischen Gemeinschaften.
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© Christopher Sturme
Viel mehr als einfach nur Konzerte verspricht das Jazzfestival Saalfelden vom 20.-23.8. mit zwei Sonderprojekten. Die ohnehin schon nicht kleine Formation Shake Stew zieht mit der Bürgermusik Saalfelden und der Eisenbahner Stadtkapelle als 70-köpfige musikalische Parade quer durch die Stadt, und die Gruppe MMM beginnt auf Basis einer 66 Meter langen grafischen Partitur ein auf zehn Jahre angelegtes Klangprojekt. Dazu kommen Wanderungen und Almkonzerte sowie herkömmliche Auftritte u.a. von Marta Sanchez, dem Sheen Trio, Andreas Schaerer im Duo mit Daniel García, dem Chicago Underground Duo und Chris Speeds Quartett Yeah No.
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Andreas Schaerer und Daniel García sind auch mit am Start, wenn zwei Wochen später vom 4.-6.9. das Ems-Jazz-Festival in seine fünfte Runde geht. Die Verantwortlichen in Greven bleiben ihrem Erfolgsrezept treu: drei Tage, neun Bands, ein Mix aus vielem, was das Genre zu bieten hat. Für ein kontrastreiches Programm sorgen u.a. David Helbock / Julia Hofer, Shuteen Erdenebaatar, das Münchner Trio Prepared und Aki Takases Japanic.

© Hans Kumpf
Die gebürtige Japanerin und langjährige Berlinerin kommt als frischgebackene Preisträgerin nach Greven: Beim Deutschen Jazzpreis auf der jazzahead! wurde Aki Takase für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Die Jury ehrte sie als „eine Künstlerin, die Jazz nicht als starre und unflexible, sondern als offene, sich stets verändernde Praxis versteht.“ Und auch wenn der Begriff Lebenswerk nach Abschluss klingt und die Pianistin sich selbst „auf der Zielgeraden“ ihrer Karriere sieht, ist sie andererseits auch mit 78 noch voller Tatendrang.
Musiker, die noch in den Startblöcken ihrer Karriere sitzen, kommen alljährlich bei der Bundesbegegnung Jugend jazzt zu Konzerten, Sessions und Workshops zusammen. Im Rahmen des Treffens, das in diesem Jahr in Halle an der Saale stattfand, vergibt die Deutsche Jazzunion einen Förderpreis, um hoffnungsvolle Talente zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Auszeichnung für 2026, die einen individuell gestaltbaren Coaching-Workshop beinhaltet, ging an die Bremer Combo Nicht ganz Standard.
Förderung gibt es auch in den Bauer Studios in Ludwigsburg. Die genießen nicht nur einen hervorragenden Ruf als Aufnahmeort, in ihrem Umfeld gibt es auch den Verein „Klangkultur – Freundeskreis der Bauer Studios“. Er vergibt einen Förderpreis für junge Musiker*innen auf dem Weg in die Professionalität in den Bereichen Jazz, Weltmusik, Klassik, Rock/Pop oder Blasmusik. Gerade hat Marco Ullstein, der Preisträger von 2025, mit seiner Band Calima in den Bauer Studios sein neues Album aufgenommen, da läuft auch schon die Bewerbungsphase für die Förderrunde 2026. Bewerbungen sind noch bis 12.7. möglich. Alle Details unter:
klangkultur-freundeskreis.de/musiker/bewerbung
Doch nicht nur Musiker brauchen Unterstützung, auch viele Veranstaltungsorte, gerade in kleiner oder mittlerer Größe, sind im Krisenmodus. Für Abhilfe will die neue Ticketplattform Good Tix sorgen, die damit wirbt, Veranstaltungen, denen wegen zu geringer Vorverkaufszahlen die Absage droht, mit einem sogenannten Rescue-Mechanismus zu unterstützen, um somit zum Erhalt einer möglichst vielfältigen Livekultur beizutragen. Wie das funktionieren soll, erklären die Macher unter:
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Definitiv nichts für kleine und mittelgroße Veranstalter sind die Kaliber, mit denen auch in diesem Jahr die Stuttgarter Jazz Open aufwarten, und zwar vom 1.-12.7. Die größte Bühne auf dem Schlossplatz bietet bei Konzerten von massentauglichen Stars wie Nick Cave, Jamiroquai, Katy Perry oder Lenny Kravitz Platz für 7000 Gäste. Wer es jazziger möchte, wird auf anderen Bühnen fündig, wo etwa Joshua Redman, Kurt Rosenwinkel oder Marius Neset aufspielen. Und Preise gibt’s auch: Stanley Clarke wird die German Jazz Trophy entgegennehmen, Marco Mezquida wird mit dem Wolfgang Dauner Award ausgezeichnet.

© Hans Kumpf
Er beherrschte das Vibrafon, die Bassklarinette und die Flöte ebenso wie verschiedene Saxofone und war in New York genauso zu Hause wie in seinem Geburtsort Göttingen. Gunter Hampel hinterließ auf beiden Seiten des Atlantik bedeutsame Spuren in der Jazzgeschichte. Mit seinem Quintettalbum Heartplants wies er 1964 dem europäischen Jazz einen Weg in Richtung Eigenständigkeit, gründete in den 70ern seine Galaxie Dream Band und spielte in den USA mit Größen wie Marion Brown, Don Cherry und Anthony Braxton. Mit seiner Frau, der Sängerin Jeanne Lee, hatte er zwei Kinder, mit denen er noch bis kurz vor seinem Tod auftrat. Am 18. Mai starb Gunter Hampel mit 88 Jahren in Berlin.
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Was der gemeinnützige Verein Jazzbühne Lech Jahr für Jahr ohne öffentliche Förderung auf die Beine und auf die Bühne stellt, ist mehr als beachtlich. Das Jazzfestival in dem kleinen Ort in Vorarlberg, nur acht Kilometer vom südlichsten Punkt Deutschlands entfernt, steht bei seiner mittlerweile zwölften Ausgabe vom 12. – 16.8. ganz im Zeichen von Dreierkombinationen. Das Gitarrentrio Tres Caballeros sowie die Trios von Paul Cornish, Isfar Sarabski und Elina Duni bestreiten Konzerte, die sich bei jeweils maximal 200 Besucher*innen durch eine familiäre und intime Atmosphäre auszeichnen.
Geteilte Freude ist in diesem Jahr doppelte Freude beim HI Five Jazz Award Hildesheim. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis geht je zur Hälfte an das Quartett Klaro mit Karolina Strassmayer und Drori Mondlak und an das Mareike Wiening Quintet. Für das jazzbegeisterte Publikum in Hildesheim heißt der geteilte Preis doppeltes Konzertvergnügen, wenn am 20.11. beim Preisträgerkonzert auf der Studiobühne des Theaters für Niedersachsen gleich zwei Formationen zu sehen sind.
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© Nutty Mar
In München weiß man, was die Welt heutzutage braucht: auf jeden Fall mehr Jazz. „What the World Needs Now“ ist der Jazz Sommer 2026 überschrieben. Vom 27.7. – 1.8. lädt das Hotel Bayerischer Hof zu sieben Konzerten ein, bei denen Größen wie Abdullah Ibrahim, Jowee Omicil, Tord Gustavsen und Trygve Seim zu sehen sein werden. Auch hier mit dabei: Daniel García, diesmal nicht mit Andreas Schaerer, sondern mit seinem Trio. Was die Welt außerdem braucht, ist Ralph Quinkes Fotoausstellung Miles Davis – Three Days in Malibu im Rahmenprogramm des Festivals.
Wie vielfältig Jazzfotografie sein kann, zeigt die Internetpräsenz des in Tschechien beheimateten Wettbewerbs Jazz World Photo. Dabei wählt eine Jury jährlich aus den eingereichten Bildern 30 besonders sehenswerte aus und benennt drei Preisträger. Die Galerien der seit 2014 ausgezeichneten Fotos eignen sich gut zum Selbsttest, wie viele der abgebildeten Musiker*innen man erkennt. Die drei Preisträger für 2026 sind Stefano Barni (Italien), Ota Blahoušek (Tschechien) und Daniel Glückmann (Spanien).
Erfreuliches gibt es aus der Schweiz zu vermelden: Das Jazz-&-Blues-Magazin JAZZ’N’MORE, dessen Ende im vergangenen Jahr schon beschlossene Sache schien, erlebt einen Neuanfang. Nachdem die bisherigen Besitzer Peewee und Theres Windmüller die finanzielle Belastung und den Arbeitsaufwand nicht mehr schultern konnten, hat sich nun ein Verein gegründet, der das Magazin künftig herausgeben wird. Als Geschäftsführer wird Sebastian Brunner, früher Programmleiter im Zürcher Jazzclub Moods. Los geht’s in zweimonatiger Erscheinungsweise mit der Ausgabe Juli/August.
Eine Institution (nicht nur) innerhalb der Schweizer Szene ist das Label Intakt. Dem hat das für den Schweizer Musikpreis zuständige Bundesamt für Kultur nicht einfach nur irgendeinen Preis, sondern den Spezialpreis Musik zugedacht. Und warum? „Intakt trägt Jahr für Jahr dazu bei, dass der aktuelle Jazz und die zeitgenössische Musik dokumentiert werden und sich die Schweizer Szene international vernetzen kann“, sagt die Jury. Und hat recht.
Der SWR-Jazzpreis ist der älteste Preis seiner Art in Deutschland. Als er 1981 auf Geheiß von Joachim-Ernst Berendt zum ersten Mal vergeben wurde, war die diesjährige Preisträgerin noch lange nicht geboren. Geehrt und mit 15.000 Euro Preisgeld belohnt wird die 1989 in Russland geborene Pianistin Olga Reznichenko, über die die Jury sagt: „Ihr künstlerisches Wirken orientiert sich konsequent an einem der Grundpfeiler des Jazz, an seinem Bekenntnis zur Offenheit. Pianistisch souverän und intensiv ist ihr Spiel an Klavier, Keyboard und Keytar, furios ihr Umgang mit hochkomplexen Rhythmen und eindrücklich ihre klangliche Gestaltungsfantasie.“ Eine Weile kann sie die Vorfreude auf die Preisverleihung noch genießen, die findet erst Ende Oktober beim Enjoy-Jazz-Festival statt.
Auch bei der JazzBaltica gehört eine Preisverleihung zu den festen Programmpunkten. Der IB.SH-JazzAward geht in diesem Jahr an den Saxofonisten Ben Prechtl. Geboren in Kiel, hat er in Hamburg studiert und jetzt die Jury „mit seinem warmen Ton, viel Gefühl und einer großen Reife in seinem Spiel“ überzeugt. Das Preisgeld von 5.000 Euro will er in Studioaufnahmen mit seinem Quartett und neue Projekte mit größeren Besetzungen investieren.
Über einen verdienten Ehrenpreis des Kölner Kulturrates kann sich Hans Martin Müller freuen. Der inzwischen pensionierte Vorstand des WDR Sinfonieorchesters gründete vor 40 Jahren den für die Kölner Jazzszene eminent wichtigen Konzert- und Aufnahmeort LOFT, der u.a. zwei Deutsche Jazzpreise als Club des Jahres gewann. Außerdem war Müller Mitbegründer und Gründungssprecher der Kölner Jazzkonferenz.

© Niclas Weber
Zeitgleich mit dem LOFT wurde in Köln 1986 auch der Konzertsaal im Stadtgarten als Veranstaltungsort eröffnet. Das runde Jubiläum wird am 4.9. beim Festival Night of Stadtgarten gefeiert, und das bei freiem Eintritt.

Als HipHop politisch wurde, war er mittendrin: Afrika Bambaataa, früheres Mitglied einer New Yorker Straßengang, veranstaltete Block-Partys mit dem Ziel, Jugendliche von der Straße zu holen und dafür zu begeistern, sich lieber im Rappen, Breakdancen und Sprayen zu messen als mit Waffen. In den 1970ern gründete er die Organisation Zulu Nation, die sich für den Verzicht auf Gewalt aussprach und die HipHop-Kultur als Gegenentwurf zum Gang-Wesen propagierte. In den frühen 80ern und spätestens mit dem Erfolg seiner Single „Planet Rock“ wurde er zu einer stilbildenden Figur des frühen HipHop und engagierte sich in der Folge gegen Rassismus, Umweltzerstörung, Apartheid und Krieg. Als gegen ihn Vorwürfe sexualisierter Gewalt laut wurden, schied er 2016 aus der Führung der Zulu Nation aus. Am 9. April ist Afrika Bambaataa im Alter von 68 Jahren in Pennsylvania gestorben.
Beim erstmals vergebenen Ukrainischen Jazzpreis wurde als beste Band des Landes die Gruppe Hyphen Dash aus Kyjiw ausgezeichnet, die in ihrer Musik Jazz, HipHop, Electronica und Fusion verbindet. In Zusammenarbeit mit dem Ukrainischen Institut wurde der Preis vom Europe Jazz Network (EJN) verliehen, das die Band nun auch auf dem Weg zu internationaler Bekanntheit unterstützen will. Dazu wird rund um einen Showcase-Auftritt bei der European Jazz Conference am 26.9. in Köln eine Europatournee durch Clubs aus dem EJN-Netzwerk organisiert.
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A Love Supreme auf der Mundharmonika? Warum eigentlich nicht! Das aktuelle Projekt des Dänen Mathias Heise mit Big-Band-Begleitung gibt es beim Ystad Sweden Jazz Festival 2026 zu sehen. Und nicht nur das. Zwischen dem 29.7. und 2.8. treten in der südschwedischen Stadt Künstler wie Ivan Lins, Bobo Stenson, Randy Brecker und die Prog-Rock-Veteranen von Kebnekajse auf. Eine weitere Besonderheit im Programm: Nils Petter Molvær wird sich vor seinem Auftritt in der Sankta-Maria-Kirche als Turmbläser betätigen.
Und was läuft in der Welthauptstadt des Jazz, in New York City? Oder vielmehr: Was fährt dort? Der Produktdesigner Joshua Wolk hat sich den Spaß gemacht, die Bewegungen aller New Yorker U-Bahnen in Echtzeit grafisch aufzubereiten und zur Grundlage eines Musikstücks zu machen. Den einzelnen Linien ordnet er Jazzinstrumente zu, die je nach Position eines Zuges aktiviert werden. So entsteht als Train-Jazz ein nicht versiegender Strom von Tönen, die an- und abschwellen, sich vermischen, aber nie ganz verstummen. Wie sollten sie auch, in der „city that never sleeps“. Ist das Jazz? Eher nicht, aber eine nette und faszinierende Spielerei, die eigentümlich schwebende Klänge erzeugt – und dazu animiert, anschließend wieder zu menschengemachter Musik zu greifen.



