Michael Wollny
Das Gehen, das Scheiden

(c) Iona Dutz
Michael Wollny hat Franz Schuberts Winterreise als Grundlage für ein Soloprojekt gewählt.
Von Jan Kobrzinowski
Wollnys Reise führt vom klassischen Lied über die Improvisation bis zur Musik von Björk und Kate Bush.

(c) Iona Dutz
Jan Kobrzinowski: Wird Schubert nun zum Popstar, im Kontext von Michael Wollnys Lieblings-Popsängerinnen?
Michael Wollny: Also, Schubert war schon eine Art Songwriter, wenn man so will. Aber ich hatte gar nicht so sehr im Blick, verschiedene stilistische oder epochenhafte Persönlichkeiten miteinander zu verbinden. Mir war eher das Thema des Winters und des Reisens wichtig. Mit der Erinnerung an diesen Zyklus als formgebendes Element. Und das habe ich aufgefüllt mit Zutaten, die sich aus allen möglichen Richtungen speisen und bestimmte Ideen dieses Zyklus benutzen. Das sind eben nicht „Cover-Versionen“ der Winterreise. Ich versuche Dinge, die zu mir sprechen, zusammenzufügen, so wie diese sich in meinen Assoziationen zu Schnee und Eis auch zusammenfügen können. Die Themen Winter, Reisen, das Gehen, das Scheiden, der Abschied kommen als Elemente für mich stimmig zusammen und die habe ich versucht nachzubauen.
Jan Kobrzinowski: Inwiefern beschäftigt dich als Pianist, der auch mit Klassik großgeworden ist, eine solche Vorlage? Es tauchen ja Motive auf, manchmal auch ganze Passagen. Ist das für dich als improvisierender Musiker dann so etwas wie ein Jazzstandard, den du am Klavier ausarbeitest?
Michael Wollny: Die Winterreise ist ja ein Fixstern unter den romantischen Liederzyklen. Und in ihr gibt es Fixpunkte wie ein Thema, einen Takt oder ein Motiv, mit denen ich auch meine eigenen, ganz privaten haptischen Erinnerungen verbinde. Ich habe diese Stücke nie auf einer Bühne gespielt, aber ich spiele sie für mich. Christoph Ullrich, ein alter Freund und ein großartiger klassischer Pianist, hat mir viele Details gezeigt, wo es eben um die Inszenierung des Textes mit pianistischen Stilmitteln geht, auch um kleine Details wie Innenstimmen, Zwischenräume, Umdeutungen. So gibt es bestimmte Arten, wie Schubert Akkorde setzt, weite Lagen, bestimmte Harmonisierungen, in denen es z.B. um dissonante Vorhalte auf schweren Zählzeiten geht. Oder wo und wie er Formerwartungen aufbaut und täuscht. Dann habe ich geschaut, wie ich damit umgehen würde in meiner Sprache. Was ändert sich, wenn ich jetzt meinen eigenen Zyklus erzähle?
Jan Kobrzinowski: Kannst du mit diesen Grundstimmungen wie Trauer, Tod, Melancholie etwas anfangen? Ist das auch den heutigen Zeiten geschuldet, in denen so etwas entsteht?
Michael Wollny: Bei der Winterreise ist ja dieses Wandermotiv, das Fortschreiten in einer unklaren Zeit so interessant, das am Ende auch bis hin zur letzten Station alles offenlässt. Es geht auch um die Zeit, die verstreicht, das Gleichmaß angesichts von großen Erschütterungen. Es ist nicht nur Tod und Abschied, sondern ein ganzes Bündel an menschlicher Erfahrung. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, die Zeit ist trist, und deshalb sprechen triste Themen zu mir, aber es gibt schon viele Anknüpfungspunkte, die mich über das Thema dieses Albums hinaus beschäftigen. Die Winterreise habe ich vermutlich das erste Mal als Teenager gehört, und habe sie sicherlich ganz anders gehört als heute. Sie ist so vielschichtig, dass man sie wahrscheinlich zu unterschiedlichen Lebenszeiten auf verschiedene Dinge beziehen kann, dass sie einem immer irgendetwas schenkt.
Jan Kobrzinowski: Gab es eine Recherchephase und hast du dir das Original nochmals angehört?
Michael Wollny: Vor gut zehn Jahren hatte ich schon ein Projekt zusammen mit Konstantin Gropper von Get Well Soon gemacht. Auf Einladung der Alten Oper haben wir einen Abend zusammengespielt mit Tamar Halperin am Cembalo und Andrés Bertomeu an der Glasharfe. Schon damals haben wir völlig andere Songs benutzt, um aus dem Thema Winterreise einen Abend zu gestalten. Dieses sehr unterhaltsame Buch von Ian Bostridge, der zu jedem Song einen ganzen Assoziationshorizont öffnet, habe ich damals verschlungen. Und ich habe einige Live-Versionen gehört. Ich wusste, ich werde die Dinge jetzt selbst aufnehmen. Ich wollte mich einfach dem noch mal so aussetzen, der speziellen Form mit diesen einzelnen Charakterstücken.
Jan Kobrzinowski: Was hat dich dazu bewogen, drei Popstücke mit auf die Winterreise zu nehmen?
Michael Wollny: Björks Album Vespertine ist für mich eines der großen Winteralben der Popgeschichte, und speziell „Aurora“, das ich auch schon seit vielen Jahren in verschiedenen Kontexten immer mal wieder gespielt habe. Das Original basiert ja auf gesampelten Fußschritten im Schnee, und ich wusste, dass es eine Rolle spielen wird. Es ist auch ein Stück, das sich vorrangig auf den weißen Tasten abspielt. Da habe ich immer so ein winterliches Gefühl [lacht]. Auch Kate Bushs50 Words for Snow läuft bei mir zu Hause in den Wintermonaten seit Jahren immer wieder. Speziell dieser eine Hook in „Snowflake“ setzt bei mir winterliche Assoziationen frei und verbindet sich mit der Klangwelt, die ich im Kopf hatte. Und Louis Cole hatte ich zunächst gar nicht im Blick – der Song ist mir spontan bei der Aufnahmesession in den Sinn gekommen, nachdem ich ihn schon einige Jahre mit mir herumtrage: ein Song über den Zweifel und das Frieren beim Blick zurück.
Jan Kobrzinowski: Was war wichtig bei der Aufnahme?
Michael Wollny: Ich bin wirklich glücklich mit dem Sound. Der Ort [Reitstadel in Neumarkt, Oberpfalz] ist ein bekannter Aufnahmeort für Klavier- und Kammermusik. Er hat in der Kombination mit dem Instrument, das dort steht, das Ganze stark geprägt. Ich bin dem Toningenieur Martin Ruch sehr dankbar. Er hat exakt den Raumklang über die Positionierung der Mikrofone dargestellt, und das Ergebnis finde ich einfach total gelungen.
Aktuelles Album:
Michael Wollny: eine winterreise (ACT / Edel)



