
© Max van Aalst
Curaçao North Sea Jazz Festival
Curaçao
Von Christine Stephan. Curaçao – das klingt nach blauem Meer und weißem Sand. Es ist auch so, aber eben nicht nur: Bereits zum zwölften Mal fand dort das Curaçao North Sea Jazz Festival statt. Palmen, warme Nachtluft, das Meer gleich nebenan – und ausgerechnet John Coltrane als roter Faden. Dabei ist das Festival weniger ein Jazzfestival im engen Sinne als ein musikalischer Schmelztiegel aus Salsa, Soul, Reggae, Pop, Reggaeton und Jazz. Die Festivalausgabe 2026 lebte von Gegensätzen, war aber gerade deshalb spannend. Unter 16 Acts auf drei Bühnen zeigten Alain Pérez, Gente De Zona, Toto, Jeon, PJ Morton, Sean Paul, J Balvin, AFRO 23, Kassav’ und Stephen Marley musikalische Bandbreite.
Auf Curaçao spricht man Papiamentu, einen wilden Mix aus afrikanischen Sprachen, Portugiesisch, Spanisch, Niederländisch sowie indigenen Elementen. Die meisten Einwohner der Insel beherrschen mindestens drei dieser Sprachen fließend und wechseln mit diesem gigantischen Wortschatz oft innerhalb eines Satzes hin und her. Ganz ähnlich wie die Musik Monty Alexanders. Der jamaikanische Pianist hat diese besondere Fähigkeit, karibische Leichtigkeit und Jazz miteinander zu verbinden. Bei ihm klingt nichts nach aufgesetztem Crossover. Calypso, Reggae, Gospel und Bebop gehören einfach zu seinem musikalischen Vokabular.

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Jon Batistes Erfolg lag ebenfalls in der Mischung: Er kam nicht nur als Jazzpianist, sondern als Entertainer, Sänger und Bandleader, der Soul, Funk, Gospel, R&B und New-Orleans-Jazz miteinander verband und eine Brücke von brasilianischem und New-Orleans-Groove zu klassischer Musik schlug. In seinem aktuellen Projekt Black Mozart verbindet er Mozart mit afroamerikanischen Traditionen wie Jazz, Blues, Ragtime, Stride und Stomp.
Für den eigentlichen Konzerthöhepunkt aber sorgten Dianne Reeves und Branford Marsalis, die mit ihrem Coltrane-Programm einen der musikalisch interessantesten Momente des Festivals setzten. Ihr Projekt griff die legendäre Zusammenarbeit John Coltranes mit Johnny Hartman auf – und setzte dabei nicht auf nostalgische Reproduktion, sondern auf musikalische Intimität sowie Raum für Interpretation. Das war kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Erinnerung daran, dass gute Musik zeitlos ist. Reeves sang mit Ruhe und Wärme, Marsalis wiederum zeigte, warum sein Saxofon selbst dann präsent bleibt, wenn er sich zurücknimmt. Weniger ist manchmal mehr.

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Al Di Meola lieferte wiederum ein musikalisches Feuerwerk – technisch brillant, manchmal fast atemberaubend. Und doch waren es nicht unbedingt die schnellsten Läufe, sondern die Momente dazwischen: ein Klang, ein Groove, ein kurzer musikalischer Dialog. Bei den großen Namen des Pop funktionierte das Festival dagegen nicht so überzeugend. The Jacksons waren als großer Act angekündigt, am Ende stand allerdings nur Marlon Jackson auf der Bühne. So hoch die Erwartungen waren, so groß war die Enttäuschung.
Ganz anders Rubén Blades: Seine Salsa ist politisch, erzählerisch und rhythmisch hochpräzise. Er zeigte eindrucksvoll, wie eng Jazz und lateinamerikanische Musik miteinander verbunden sind. Seine Zusammenarbeit mit der Roberto Delgado Big Band hatte Energie, Präzision und vor allem Charakter. Hier wurde nicht einfach ein Stil neben den anderen gestellt – die Musik erzählte ihre eigenen Geschichten und riss das begeisterte Publikum mit. Alle tanzten, Greise, Kinder. Neben mir saß eine ältere Dame, die mit Rollator gekommen war. Erst wippte sie im Takt, dann ruckelte sie an ihrem Gefährt und zuletzt waren die beiden ein wildes Tanzpaar. Währenddessen feierte das Publikum seine Künstler wie Helden.

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Am Ende bleibt mir Curaçao weniger wegen einzelner großer Namen im Gedächtnis als wegen seiner Atmosphäre. Wegen der Musik, die plötzlich aus verschiedenen Richtungen kommt. Und wegen der Frage, die man sich hier immer wieder stellt: Wo endet eigentlich musikalische Kultur? Meine Antwort nach drei Tagen Curaçao: vermutlich genau dort, wo man aufhört zuzuhören.



