Sonny Rollins
Kolossal
Sonny Rollins war gerade 26 Jahre alt und schon einer der umraunten Heroen des Bebop, als sein Album Saxophone Colossus herauskam – ein selbstbewusster Titel, der ihm für den Rest seines Lebens als eine Art Spitzname folgte. Wer ihn je im Konzert erlebt hat, fand diesen Spitznamen plausibel.
Von Hans-Jürgen Linke
Rollins hatte mit Art Blakey, Thelonious Monk und für eine kurze Zeit mit Miles Davis gespielt, hatte sich mit John Coltrane intensive Dialoge am Saxofon geliefert, und er war in der Lage, die nervösen melodischen Linien der Charlie-Parker-Schule virtuos mit seiner voluminösen, obertonreichen Tongebung zu verbinden. Seine Improvisationen stießen in weite Freiräume vor und verloren dabei nie ihre Konsequenz und ihr Formbewusstsein. Er war kein musikalischer Umstürzler, sondern stellte traditionelle Bindungen und überlieferte Strukturen durch Ironie und Humor infrage.
Wie die meisten Bebop-Helden hatte er in den 1950er Jahren intensive Erfahrungen mit Drogen und mit dem allenthalben virulenten Rassismus. Als Reaktion darauf schrieb er 1958 die zwanzigminütige „Freedom Suite“, die er der Bürgerrechtsbewegung widmete, wobei politische Einstellungen mit instrumentaler Musik immer nur vage Verbindungen eingehen. Die konservative Jazzpresse protestierte so vehement, dass sich die Plattenfirma Riverside entschloss, das Album aus dem Verkehr zu ziehen und einige Zeit später als Shadow Waltz wieder zu veröffentlichen.
Ein gutes Jahr später nahm sich Sonny Rollins ein Sabbatical. Er wolle, so erklärte er damals, das Saxofonspielen neu lernen. Weil er fürchtete, damit seinen Nachbarn in Manhattan auf die Nerven zu gehen, zog er zum Spielen auf die Williamsburg Bridge. Dort, in der wuchtigen Hängebrücke zwischen Lastenschleppern, Autos und Zügen, hoch überm Fluss, arbeitete er an seinem Ton und seinen improvisatorischen Ausdrucksfähigkeiten und Architekturen. So wurde die Brücke ein mythischer Ort. Rollins selbst schilderte seine Arbeitssituation: „Du stehst da oben über der ganzen Welt. Du kannst runterschauen, und da ist die Skyline, das Wasser, die Bucht. Es ist ein wunderschönes Panorama. Du kannst da oben so laut spielen, wie du willst. Und du kommst ins Nachdenken. Diese Pracht gibt dir eine ganz neue Perspektive.“
Danach wurde Sonny Rollins‘ Musik wärmer und melodischer, ohne dass er sein Markenzeichen, den großen Ton, reduziert hätte. Er öffnete sich neuen Einflüssen und war ein ungemein gefragter und erfolgreicher Musiker mit internationaler Reichweite. Bis er sich 1969 wieder aus der Öffentlichkeit zurückzog, diesmal in einen indischen Ashram. Nach seinem zweiten Comeback orientierte er sich stärker an der aktuellen Fusion-Welle und zehrte von seinem Ruf als letzter großer Vertreter der Jazzgeschichte. Er pflegte seine melodisch-kraftvollen Artikulationen und platzierte sie in verschiedenen Kontexten – unter anderem gab es ein kurzes ungenanntes Solo auf dem Album Tattoo You der Rolling Stones.
Unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 nahm er Without a Song: The 9/11 Concert auf, das ihm einen Grammy einbrachte. 2014 wurde ihm Lungenfibrose diagnostiziert, und er gab das Saxofonspielen auf. Nun ist Sonny Rollins am 25. Mai, einen Tag vor Miles Davis‘ 100. Geburtstag, in Woodstock/New York, im Alter von 95 Jahren gestorben.



