Theaterhaus Jazztage

Sosa © Hans Kumpf

Stuttgart

Von Harry Schmidt. Fünf Tage voller Jazz boten die 23 Konzerte der diesjährigen Theaterhaus Jazztage. Stets über die Osterfeiertage reicht die Bandbreite auf dem Stuttgarter Pragsattel von internationaler Reichweite bis zu regionalen Newcomern. Die 32. Auflage des Festivals stand im Zeichen der Gleichberechtigung, war Theaterhaus-Leiter Werner Schretzmeier und Programmplaner Wolfgang Marmulla im Vorjahr doch ein ausgesprochen männlich dominiertes Line-up „einfach passiert“, so Schretzmeier selbstkritisch. Die Bestrebung, Frauen nicht auf die Rolle der dekorativen Sängerin zu reduzieren, war mit Auftritten der Monika Roscher Bigband, Monika Herzig’s Sheroes, dem Julia Hülsmann Trio, dem Afrobeat-Oktett Kokoroko, der Trompeterin, Multi-Instrumentalistin und Produzentin Emma-Jean Thackray, die mit ihrer Band Walrus nachhaltigen Eindruck hinterließ, dem Trio Die Kusimanten und dem Klaus Paier / Asja Valcic Quartet klar erkennbar.

Der Einfallsreichtum, mit dem Monika Roscher Jazzstile und -genres durcheinanderwirbelt, spricht sehr für ihren frischen Zugang zum Bigband-Jazz. Funkensprühende Dialoge am Flügel lieferte sich das kubanische Duo von Marialy Pacheco und Omar Sosa, das dem Festival eines seiner Glanzlichter aufsetzte. Tonangebende Frauen auch jenseits des Mikrofons allenthalben – die Richtung stimmte also schon mal. Auch nicht dem Bild einer Jazzsängerin entspricht Jelena Kuljić, deren Auftritt mit dem Quartett Kuu! zu den absoluten Höhepunkten zählte. Die Besetzung ist illuster: Kuu! verfügt über gleich zwei Gitarristen, die aber nicht der klassischen Funktionstrennung von Lead- und Rhythmusinstrument gehorchen. Frank Möbus ist zwar der Typ von Gitarrist, der sehr viele Noten spielen kann, übernimmt aber auch Riffs. Kalle Kalima, der die meisten Stücke schreibt, wechselt zwischen Arto-Lindsay-mäßigem Gefrickel, R&B-Licks und Frippschem Sirenengesang, spielt aber oft auch einfach Bassläufe. Was der Auftritt im ausverkauften Raum T3 in aller Deutlichkeit vor Augen und Ohren führte, war aber vor allem dies: Wie kein anderer deutscher Jazzmusiker – auch nicht Michael Wollny, der parallel dazu, etwas unterfordert wirkend, im größeren Saal T1 mit Nils Landgren, Wolfgang Haffner und Lars Danielsson auftrat – ist Lillinger Energiezentrale, Motor und Triebfeder nicht nur einer einzelnen Band, sondern der zeitgenössischen Jazzszene selbst, ein Katalysator der Entwicklung. Wie er in seinem Drumset agiert, stellt eine konstante Herausforderung seiner Mitspieler dar. Die Musik, die dabei entsteht, gehört zum Spannendsten, was unsere Tage zu bieten haben.

Pacheco © Hans Kumpf

Ein Rückgrat der Jazztage bilden seit jeher Jubiläen: In diesem Jahr war die Reihe an Joachim Kühn, der zu seinem 75. Geburtstag nicht nur seinen Bruder Rolf sowie Emile Parisien, Vincent Peirani, Maxime Bender und als Special Guest Till Brönner eingeladen hatte, sondern auch die Mitstreiter seines brillanten New Trio mit Chris Jennings und Eric Schaefer. Tags darauf dann das Birthday-Concert zum Fünfzigsten von Veit Hübner und Ralf Schmid. Bewegend war der Tribute-Abend In Memory of Jon Hiseman, in den neben Ack van Rooyen und dem Power-Trio JCM auch ein Solo-Piano-Recital von Stuttgarts Altmeister Wolfgang Dauner integriert war.