Gerry Hemingway with Izumi Kimura, Frank Gratkowski, Christian Weber
Live at The Bau 4
ezz-thetics HatHut / NRW
4 1/2 Sterne
Gerry Hemingway ist ein musikalischer Freigeist, der sowohl im Freejazz als auch in den harmonisch und rhythmisch gebundenen Spielarten des modernen Jazz zu Hause ist. Jahrelang hat der Drummer mit eigenen Gruppen gearbeitet, war Mitglied im Trio BassDrumBone und im Quartett von Anthony Braxton, was sein musikalisches Credo maßgeblich geprägt hat. Mit einem hochkarätig besetzten Ensemble aus Izumi Kimura (p), Frank Gratkowski (reeds) und Christian Weber (b) verknüpft der Schlagzeuger und Komponist diese biographischen Stränge zu einer Musik, die anfangs nach freier Improvisation klingt, danach allerdings mit vielfältigen Kompositions- und Strukturelementen sowie dynamischen Bewegungen arbeitet. Die können auch ins Extreme ausschlagen. So entsteht ein komplexes Konstrukt aus Spontanität und Disziplin, vielschichtig und mehrdimensional. Das verlangt den Beteiligten einiges ab. Sie müssen hellwach und hochvirtuos sein, mit leichter Hand selbst die diffizilsten Stellen meistern, und das mit einem Höchstmaß an Musikalität. Dabei durchläuft die Musik die unterschiedlichsten Stimmungslagen, wird durch kompositorische Wegmarken in immer neue Klangsphären transportiert, wobei sie ab und zu mit überraschenden Wendungen aufwartet. Ein scat-singender Drummer – wo hat es das seit Robert Wyatt schon gegeben?
Christoph Wagner
Johanna Summer
Dialoge
ACT / Edel
4,5 Sterne
Beim Klavier-Fest im Rahmen des Lucerne Festival trafen Johanna Summer und Igor Levit erstmals aufeinander, um Robert Schumanns „Waldszenen“ aufzuführen: Der 1987 in Gorki geborene Pianist interpretierte die neun Charakterstücke des Zyklus, die acht Jahre jüngere, in Plauen zur Welt gekommene Pianistin spann den Faden improvisierend weiter. Eine Erfahrung, die zum Impuls ihres dritten ACT-Albums wurde (die beiden Longplayer mit Jakob Manz nicht eingerechnet). Summer spielte Dialoge mit Claire Huangci, Kit Armstrong, Danae Dörken und Igor Levit – jeweils an einem weiteren Flügel – an zwei Tagen im Sommer 2025 in den Emil Berliner Studios ein. Worauf es der Pianistin ankommt, ist die Fallhöhe im kreativen Prozess: Ob Kompositionen von Manolis Kalomiris oder Mikis Theodorakis wie im Duett mit Dörken, von Minako Tokuyama und Zhou Tian im Duo mit Huangci, von Beethoven und Guillaume de Machaut mit Armstrong sowie Schumann im Zwiegespräch mit Levit – bis zum ersten Ton wusste Summer nicht, was ihre Gäste mitgebracht hatten. Die extemporierten Unterhaltungen sind von empathischer Knapp- und Unaufgeregtheit geprägt, die meisten der 14 Dialoge währen keine zwei Minuten. Hinreißend: die tänzerischen Impulse in Guillaume de Machauts „Douce Dame Jolie“ mit Kit Armstrong. Dazwischen hat sie elf weitere Miniaturen verteilt, die in aphoristischer Kürze an den Austausch zwischen Improvisation und Komposition anknüpfen, der dieses Album ausmacht, und Summer als eine der kühnsten und kreativsten Pianistinnen der Gegenwart vorstellen.
Harry Schmidt
Bruno Angelini
Alone Together!
Illusions / Broken Silence
4 Sterne
John Coltranes „Alabama“, „Tender Warriors“ von Max Roach, Gene Taylors „Why? (The King of Love Is Dead)“, das Nina Simone drei Tage nach der Ermordung Martin Luther Kings so markerschütternd herausgeschrien hat, erst recht Archie Shepps „Dr. King The Peaceful Warrior“: Alle zehn Titel auf Bruno Angelinis jüngstem Piano-Solo-Album Alone Together! sind Interpretationen bekannter Standards, die zumeist im Umfeld der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung entstanden sind und Themen der Rassentrennung, Gewalt und Ungleichbehandlung reflektieren. Das gilt auch für Charles Mingus‘ „Meditations on Integration“, das durch Billie Holiday unsterblich gewordene „Strange Fruit“, Herbie Hancocks „The Prisoner“ und Oliver Nelsons „Requiem Afterthoughts“, denen sich der französische Pianist mit spätromantisch-impressionistisch getönter, filmmusikalisch geschulter Hingabe widmet (und dabei selten mit Pedalnebel geizt). Inhaltlich stimmig kompiliert, wirkt Alone Together! somit fast wie eine Suite über einen den Afroamerikanern im 20. Jahrhundert entgegenschlagenden Rassismus im Spiegel des Jazz. Auch Duke Ellingtons „Come Sunday“ fügt sich in diesen Diskurs. Lediglich, dass dieser, auch wenn Angelini hin und wieder mal in den Flügel greift, im Wesentlichen darauf beschränkt ist, in wohltemperierten Bahnen zu verlaufen, mag man bedauern – das Ausrufezeichen des Titels bleibt jedenfalls meistenteils Behauptung.
Harry Schmidt



