In jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

Angelika Niescier

The Berlin Concert

Intakt / Harmonia Mundi

5 Sterne

Es war eine peinliche Veranstaltung. Beim letzten JazzFest Berlin bekam Angelika Niescier auf der Großen Bühne des Hauses der Berliner Festspiele den Albert-Mangelsdorff-Preis verliehen, doch Laudator Gebhard Ullmann sprach mehr über sich selbst als über die zu ehrende Musikerin, und die Honoratioren diverser Institutionen wussten offensichtlich gar nicht so genau, „worum es eigentlich geht“ (Eugen Drewermann). Doch dann kam die Preisträgerin selbst auf die Bühne, sagte kein einziges Wort und blies mit ihrem Trio alles weg (was ihr zu Beginn ihrer Karriere mit dem Quartett Sublim auch schon gelungen war) – jetzt nachzuhören auf diesem Tonträger. Schlagzeuger Tyshawn Sorey läuft an Niesciers Seite zu absoluter Höchstform auf, und Bassist Christopher Tordini ist deutlich mehr als ein solider Begleiter. Vier furiose Stücke aus der Feder der Bandleaderin sind auf dem Berlin Concert zu hören, und dass Angelika Niescier ihren Coltrane verinnerlicht hat, ist immer noch deutlich zu vernehmen, aber sie formt aus diesem Ursprung längst und seit Jahren ihre ganz eigene und sehr individuelle Musik. Die Saxofonistin macht mit diesen vierzig Minuten deutlich, dass eigentlich die Musik im Mittelpunkt stehen sollte, ganz unabhängig von Preisen, Stipendien und sonstigen Image-Förderungen. Das ist absolut zeitloser Jazz, der doch genau so nur heute gespielt werden kann – von ihrer Sorte gibt es leider auch in Deutschland viel zu wenige Musikerinnen: Selbstbewusstsein, Power und die Beherrschung der stilistischen Mittel machen Angelika Niescier zu einem präzedenzlosen Unikat.

Rolf Thomas

Iiro Rantala

Mozart, Bernstein, Lennon

ACT / Edel:kultur

5 Sterne

Unter den Jazz-Pianisten ist Iiro Rantala wahrscheinlich am nächsten an der Klassik dran. Schon immer war sein Spiel von den großen Komponisten geprägt, von Bach, Beethoven und Brahms, die seiner Meinung nach die ersten richtigen Jazzer waren und die der charmante Finne immer wieder auf seine ganz eigene Art und Weise interpretiert. Als er daher im vergangenen Jahr auf der jazzahead! das Angebot erhielt, als prominenter Vertreter des Partnerlandes Finnland die Gala mitzugestalten und dabei mit der Kammerphilharmonie Bremen spielen zu können, fackelte er nicht lange und setzte Mozarts C-Dur-Klavierkonzert ins Zentrum des Abends. Nun ist eine Live-Aufnahme erschienen, die einmal mehr beweist, wie überragend Rantala als Brückenbauer zwischen Jazz und Klassik ist und wie mühelos er beiden Welten gerecht wird.

Dem Mozartschen Opus, dessen Klavierpassagen Rantala mit beeindruckender Klarheit und Leichtigkeit intoniert und dem er mit einer eigenen Improvisation in der Kadenz zugleich ein Stück weit seinen eigenen Stempel aufdrückt, hat Rantala noch Leonard Bernsteins Candide-Ouvertüre an die Seite gestellt und es ansonsten mit eigenen Kompositionen umschlossen. Dem expressiven Opener „Pekka Pohjola“ und dem pfiffigen, vom Autor Jonathan Franzen inspirierten „Freedom“ stehen dabei ein Medley aus dem intensiven „Karma“ und dem tänzerischen „Anyone with a Heart“ sowie das herrlich melancholische „Tears for Esbjörn“ gegenüber. Mit einer virtuosen Interpretation von John Lennons „Imagine“ schließt letztlich ein fantastisches Album, das Klassik- und Jazz-Liebhabern gleichermaßen zu empfehlen ist.

Thomas Kölsch

Lee Konitz

Prisma

QFTF / Galileo

4 Sterne

Lee Konitz – Prisma

Wir kennen die herrliche Gelassenheit in Lee Konitz’ Saxofonspiel, das auch im 90. Lebensjahr des heute in Köln lebenden US-Musikers nicht verstummt. Die dunkle Geschmeidigkeit in Konitz’ Spiel legt ein tiefes Gespür für die innere Seele eines jeden Tons offen. Eitle Kraftmeierei ist ihm hingegen immer ein Fremdwort geblieben. Dies alles lebt auch in dem einzigen klassischen“ Saxofonkonzert, welches Konitz spielte und nun auf einem Album vorliegt. Konitz und der deutsche Komponist Guenther Buhles liefen sich vor 20 Jahren über den Weg. Man mochte sich, arbeitete zusammen. Heraus kam eine Art sinfonisches Doppelkonzert für Saxofon und Klavier, das einmal mehr alle rigiden Grenzziehungen zwischen E- und U-Musik kurzweilig obsolet macht.

Konitz war neugierig auf die Sinfonik made in Germany, davon zeugt sein betont klassisches Spiel allemal. Das Orchester trägt im Gegenzug viele amerikanisch-pathetische Klangfarben auf. Eine auftrumpfende Rhythmik dürfte bei Spielern und Hörern viel kollektiven Spaß evoziert haben. Zugleich liefert das viersätzige Konzert Momente voll purer Schönheit. Konitz selbst darf nach Herzenslust auf Solopfaden wandeln bzw. beschreitet hier sehr leichtfüßig einen schmalen Grat zwischen Improvisation und klassisch geprägter Solokadenz. Im zweiten Teil mischt sich der Pianist Frank Wunsch äußerst spielfreudig ein.

Die Uraufführung des Werks mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt wurde mitgeschnitten – eigentlich nur zur Dokumentation mit gerade zwei Mikros. Aber dieses Bootleghafte hat seinen eigenen Reiz, allein, dass es die Aura von Wärme noch verstärkt, so ähnlich wie es auch auf vielen historischen Klassik-Aufnahmen der Fall ist.

Stefan Pieper