HÖRBUCHT
GENERATION JAZZ
Es gibt Spannenderes als Generation Golf, auch wenn GTI-Liebhaber wohl selbst die Generation Ferrari verschmähen würden. Alles eine Frage des Klangs und der Identifikation. Brauchen wir überhaupt Generationen-Unterscheidungen – oder sind wir nicht alle Generation Mensch? Haben wir nicht alle dieselben Probleme – ontologisches Dilemma? Von den Baby-Boomern über die Generation X bis zu den Millennials. Jedem seinen Knacks. Generation Jazz. In der Hörbucht…
Björn Simon
Florian Illies
Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary
Argon
4 Sterne
Er glaube, meinte Marcel Reich-Ranicki einmal, dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben habe als die Manns. Das Oberhaupt dieser Familie, Thomas Mann, sah das etwas prosaischer: „Wir sind eine erlauchte Versammlung, aber einen Knacks hat jeder.“ Was zweifellos eine Steilvorlage für einen begnadeten Geschichte(n)erzähler wie Florian Illies ist, der spätestens mit seinem in 30 Sprachen übersetzten Bestseller „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ eine literarisch überzeugende Form gefunden hat, historische Anekdoten aus dem Leben namhafter Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur so aufzubereiten, dass ein kurzweilig-informatives Panorama der Zeitgeschichte entsteht. Dass er sich dabei nicht allein auf schriftlich Verbürgtes verlässt, das in Form exakter Fußnoten und detaillierter Quellenangaben auch wissenschaftlich belegbar wäre, hat ihm Kritik eingebracht. Aber dem breiten Publikumserfolg kommt sein individuelles Talent, auf der Basis profunder Recherchen auch frei imaginierten eigenen Assoziationen Raum zu geben, also Fakt und Fiktion gern pointiert zugespitzt zu vermischen, eher entgegen.
Folgt man dem Verlag S. Fischer, in dem seine Bücher erscheinen, so begründete der Autor damit „das neue Genre der atmosphärischen Epochenerzählung“. Wobei sich Illies gern auf solche Zeiträume konzentriert, die nicht auf den ersten Blick naheliegend zu sein scheinen: Das Vorkriegsjahr 1913 interessierte ihn mehr als der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914; der Sommer in Sanary 1933 mehr als die Zeit in der Schweiz, wo die meisten Exil-Schilderungen der Manns beginnen. Tatsächlich markieren die an der südfranzösischen Mittelmeerküste verbrachten Monate einen entscheidenden Abschnitt im Leben Thomas Manns, dem erst nach und nach bewusst wird, dass Deutschland für ihn keine Heimat mehr ist, mit dem Nationalsozialismus nicht mehr sein kann. Zunächst denkt er, der sich übrigens selbst „zu den Musikern unter den Dichtern“ rechnete, keineswegs an ein Exil, als er sich im Februar 1933 auf den Weg macht, um in Amsterdam, Brüssel und Paris seinen Vortrag „Leiden und Größe Richard Wagners“ zu halten. Stattdessen möchte er sich danach erst einmal mit seiner Frau Katia in das Waldhotel in Arosa begeben, dessen Speisesaal er in seinem Roman „Zauberberg“ literarisch verewigt hatte, um dort für drei Wochen einen Erholungsurlaub zu machen. Seine beiden ältesten Kinder Klaus und Erika sind es schließlich, die ihm, der noch im Jahr der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler darauf setzt, dass ihn sein Ruhm und Status als Literaturnobelpreisträger vor den Nazis schützen könne, klarmachen, dass es kein Zurück mehr gibt. Sie sind es auch, die als Erste in Sanary-sur-Mer strandeten – äußerlich ein Idyll unter Palmen, dem sie bereits zwei Jahre zuvor in einem Band der launig-feuilletonistischen Reiseführerreihe „Was nicht im Baedeker steht“ einen Eintrag widmeten. Nach und nach wird der verträumte Ort an der Côte d’Azur, in dessen kleinem Hafen beschaulich Fischerboote dümpeln, zu einem ersten Fluchtpunkt nicht nur der Familie Mann, sondern kurzzeitig auch zu einem Zentrum der deutschen Emigration; zu einem Vorläufer des kalifornischen Pacific Palisades, wo sich später auffallend viele von ihnen wiedertreffen werden: neben Heinrich und Thomas Mann mit seiner Frau und der Familie die Feuchtwangers, Bertolt Brecht und viele andere mehr.
Florian Illies erzählt chronologisch von Geschehnissen im Sanery der Monate Februar bis September, während im selben Sommer das Haus in München, in dem die ganze Familie Mann zwanzig Jahre lang gelebt hat, von den Nazis geplündert und beschlagnahmt wird. Dann müssen die Emigranten weiterziehen. Was Illies an dieser Familie neben den zeitgeschichtlichen Umständen besonders interessiert, hat er in einem Beitrag für die ZEIT so beschrieben: „Wir scheinen hier wirklich alles vor uns zu haben, was uns die Seelenwissenschaft seit Freud an Vater-, Ödipus- und Minderwertigkeitskomplexen, an toxischen Beziehungen, an Familienaufträgen und vererbten Traumata als Deutungsversuch an die Hand gegeben hat.“ Der Titel seines Buches aber, „Wenn die Sonne untergeht“, so formulierte er das in einem Interview mit Julia Encke für die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, stehe „auch dafür, dass eine Demokratie stirbt“. Und wo die Demokratie stirbt, so ließe sich hinzufügen, da gibt es kein Zurück. Jedenfalls sehr lange nicht: Sechzehn Jahre dauerte es, bis Thomas Mann Deutschland 1949 noch einmal besuchte; heimisch wurde er hier nie mehr.
Illies’ Buch, das der Schauspieler Stephan Schad für eine ungekürzte, rund achteinhalb Stunden lange Hörbuchfassung des Argon-Verlags eingelesen hat, ist also viel mehr als die spannend-komplexe Geschichte einer um das literarische Zentralgestirn Thomas Mann kreisenden, sich in diesen Sommermonaten in einem Zustand größtmöglicher Verstörtheit zeigenden Künstlerfamilie. Ein Menetekel auch für unsere Zeit?
Robert Fischer



