Jazz in E.

Eberswalde

© Torsten Stapel

Von Thomas Melzer. Auf seiner Wanderung durch das Eberswalder Industrieerbe hat Jazz in E. im ehemaligen Kulturhaus des Reichsbahnausbesserungswerks Station gemacht. Was das diesjährige Festivalmotto „Tradition“ an Facetten hergab, machte gleich eingangs Uwe Kropinski deutlich. Nicht nur, dass er bei der Reichsbahn in Ostberlin einst Fahrzeugelektriker mit Abitur gelernt hatte, auch beim allerersten Festival 1995 war er schon aufgetreten, damals im Pferdestall der einstigen Eberswalder Postfuhrstation. Seine musikalische Traditionslinie reicht noch weiter zurück: Der 74-jährige Gitarrist spielte ein altersweises, formbewusst an Bach orientiertes Konzert, wissensprall und ohne jeden Zierrat, der spätestens im Alter ohnehin nur Ballast wäre. Allenfalls den ergänzenden Einsatz von zwei an einer spanischen Hotelrezeption geklauten Glöckchen erlaubte er sich – das Eberswalder Publikum gewährte Gnade und überreichlich Huldigung.

© Torsten Stapel

Die ging im zweiten Teil des Eröffnungsabends in Euphorie über. Richard Kochs Formation Rays of Light löste das Versprechen des Bandnamens ein. Trompete, Geige, Akkordeon, Kontrabass und Rahmentrommel senden einzeln schon schöne Spektralfarben, gebündelt ergeben sie unter dem Dirigat von Richard Koch ein besonders warmes Licht. Vom Eberswalder Publikum einmal mehr geliebt: Fabiana Striffler an der Geige. Der zweite Abend, traditionell am Himmelfahrtstag, begab sich wieder einmal auf die Suche nach einem spirituellen Überbau für diesen Kalenderplatz. Introspektiv zunächst mit dem Duo rant, in einem jeden Ton abwägenden Zwiegespräch, expressiv dann mit dem Sextett KIND des Saxofonisten Jan Klare. Was für Kropinski Bach ist, ist für Klare Zappa. Energetisch führten die Traditionslinien dieses Konzerts zurück zur wohl berühmtesten Himmelfahrtsmusik der Jazzmusik, dem Meilenstein-Album Ascension von John Coltrane. Mit der Energie dieser Musik ließe sich an einem kalten Wintertag eine Wohnung heizen, hatte der mitwirkende Marion Brown gesagt; bei KIND reichte es an einem sehr kalten Vatertag sogar für ein mittelgroßes, gut gefülltes Klubhaus.

Tag drei begann mit Achim Kaufmann, erstmals in E., und Kalle Kalima, zum unzähligsten Male hier zu Gast. Seit Vollendung des 50. Lebensjahres vor drei Jahren scheint Kalima zu beherzigen, was ihm Jelena Kuljić einst öffentlich aufgetragen hatte: langsamer und leiser zu spielen. So ward auch dies ein Kammerkonzert. Dem ein sperriger Brocken folgte, wie im Vorjahr verantwortet von Philipp Gropper, damals mit Philm, diesmal mit TAU. Gropper, nun musikalischer Wiedergänger von Meister Yoda, schien einen Befehl erteilt zu haben: „Neue musikalische Sphären wir haben zu erkunden, sofort!“. Der anschließenden Raumfahrt vermochten nicht alle Konzertbesucher zu folgen. Ihre gleichwohl stoisch erspielte Landung verdankte die Mission nicht zuletzt Moritz Baumgärtner in den Festkörperdrumraketen. Als diese Booster abgeworfen wurden, war das Konzert zu Ende. Vom letzten Festivalabend können lediglich die Mitwirkenden berichtet werden, Tobias Hoffmann im Duett mit Benjamin Schaefer sowie die Vibrafonistin Els Vandeweyer & The Bliss. Der Berichterstatter fehlte, er war nicht rechtzeitig aus dem Gropperschen Universum zur Erde nach E. zurückgekehrt.