Reykjavík Jazz
Island

© Hans Vera


Von Arne Schumacher. Magnús Trygvason Eliassen absolvierte sein Pensum stoisch gelassen. Und jedes Mal beeindruckend! Der Drummer, bei uns vor allem bekannt als Mitglied der isländischen Vorzeigeband ADHD, spielte im Laufe der sechs Festivaltage von Reykjavík Jazz in sage und schreibe sieben (!) Gruppen. Bassist Birgir Steinn Theodórsson brachte es immerhin auf fünf. Großartige Akteure wie sie sind gefragt auf Island. Schließlich ist das Jazzgeschehen im Land extrem rege und dicht angesichts von nur knapp 400.000 Einwohnern. Weshalb es auch mühelos trägt, ein jährliches Festival-Event – dies war die 36. Ausgabe – mit mehr als 30 Veranstaltungen zu organisieren, das überwiegend nationale Acts in den Fokus rückt. Die ausländischen Bands werden von Landesvertretungen gesponsert, darunter diesmal das furios auftrumpfende polnische Quartett Kosmonauci, die Gruppe des englisch-französischen Pianisten Tom Sochas und das fett groovende Matti Klein Soultrio aus Deutschland.

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Die Metropole also ganz im Zeichen des Jazz? Zumindest teilweise, das aber eher unaufgeregt – wie so vieles auf Island. Während des Samstags stimmte eine Mehrheit der Bürger gegen neuerliche Beitrittsverhandlungen mit der EU. In Reykjavík tummelten sich derweil zahlreiche Touristen, bei Sonne und Temperaturen von maximal 13 Grad fand sogar ein Gartenkonzert mit Mainstream-Saxofonistin Rósa Guðrún Sveinsdóttir statt. Das Trio des exzellenten New-Bop-Saxofonisten Albert Sölvi bespielte einen kleinen Saal am Eingang des inländischen Þingvellir-Nationalparks, von den vielen Touristen leider kaum wahrgenommen.
Dabei ist es spannend, die breite Palette an Aktuellem in eben jenem Umfeld zu erleben, dem die Musik entstammt. Nicht dass es eine typische isländische Färbung oder Ausdrucksform gäbe. Aber man stößt häufiger auf bestimmte Haltungen, Ästhetiken oder einen besonderen Geist. Einen Festivalhöhepunkt bescherte die achtköpfige Frelsissveitin (Freiheitsdivision) mit Pianist Davíð Þór Jónsson. Im Zuge eines Klavierkonzerts von Saxofonist Haukur Gröndal ließ sie wahre Soundwolken vorüberziehen – eine erhabene, oft melancholisch getönte Musik von enormer Intensität. Freiheit im intimen Miteinander von Trompete, E-Gitarre und Schlagzeug zelebrierte das Trio Hist Og [
siehe Tonspuren]. Isländische Folk-Seele schwang im kammermusikalischen Quintett von Cellistin Þórdís Gerður Jónsdóttir mit, deren lauschige Stücke etwas Frisell-Flair verströmten.

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Drei der großen Konzertabende gingen in einem Saal des wuchtigen meernahen Kulturforums Harpa über die Bühne. Zum Festivalauftakt glänzte im Club Fantasía ein zwischen Melodie und freiem Interplay changierendes Trio um Saxofonist Sölvi Kolbeinsson, an seiner Seite Gitarristen-As Hilmar Jensson. Der gehörte auch zum Quartett von Pianist Ingi Bjarni Skúlason (als Gast am Bass: Anders Jormin aus Schweden). Dessen stimmungsvollen Auftritt krönte ein länger nachklingendes „Fragile Hope“. Die isländisch-norwegische Gitarristin/Sängerin Lilja glänzte mit Band samt Beady Belle (voc, keyb) ebenso wie Gitarrenkollege Mikael Máni mit seinem exzellenten Quintett. Ein Tribute an die afrokubanische Seite von Jazzveteran Tómas R. Einarsson wurde ebenso gefeiert wie Vokalistin María Magnúsdóttir als Interpretin von Liedern südamerikanischer Songfrauen. Auch alle übrigen Mitglieder von ADHD tauchten hier und da im Verlauf eines Festivals auf, das an Vielfalt und Format wenig zu wünschen übrig ließ.

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